Trotzdem hatte man es auf den ersten Blick los, daß dieser Ausdruck nur Maske war. Herr Patscheider war ein kluger und gewiegter Geschäftsmann und viel gescheiter, als er zu scheinen wünschte. Ein Mann, der es verstanden hatte, sich zu dem ererbten väterlichen Vermögen einen ganz ansehnlichen Haufen Geld zu sammeln.

Am Stammtisch beim Weißen Hahn führte Johannes Patscheider die lauteste Sprache; und was er sagte, das galt als eine Art Evangelium. Sie waren alle ruhig, wenn er mit lauter, gebieterischer Stimme seine Ansichten kund tat. Und sie wagten es, ihm nur schüchterne Gegenreden zu geben, wenn sie anderer Meinung waren.

Nur Doktor Rapp getraute sich, diesem ausgesprochenen Herrenmenschen gegenüber seine Ansicht zur Geltung zu bringen. Das ging dann aber jedesmal recht schief aus und endete regelmäßig damit, daß Patscheider schweigend seinen Hut und Stock nahm und aus dem Zimmer ging. Er erschien auch nicht mehr am Stammtisch, bis man ihn holte.

Die Vermittlerrolle zwischen den beiden Gegnern übernahm dann jedesmal der Herr Apotheker Simon Tiefenbrunner. Doktor Rapp und Patscheider waren immer und ausnahmslos in allen Dingen vollkommen entgegengesetzter Meinung. Doktor Rapp war ein schneidiger Draufgänger, radikal und unbesonnen. Patscheider war dagegen überlegend, scharf berechnend, in seinen Ansichten jedoch etwas rückständig, was ihm oft den Spott und den Hohn des jüngeren Doktor Rapp eintrug.

Patscheider hatte sich schon seit Jahren um die Stadt große Verdienste erworben. In völlig uneigennütziger Weise hatte er dem Wohl seiner Vaterstadt gelebt und für sie gewirkt. Er besaß diese eine große Liebe in seinem Leben: mitzuwirken an dem Aufblühen und Gedeihen der herrlichen Alpenstadt am Inn. Außerhalb dieser Stadt gab es für ihn kein Interesse.

Mit Klugheit und Scharfsinn erforschte er alles, was dem Ansehen seiner Vaterstadt von Nutzen sein konnte. Wenn er sich einmal zu einer Reise aufschwang, um andere Städte kennen zu lernen, so geschah das nur, damit er Vergleiche zwischen diesen und seiner Heimat anstellen konnte. Und vom Standpunkt eines Innsbrucker Bürgers betrachtete er auch die Vorgänge des ganzen Reiches und der übrigen Welt. Patscheider war stolz darauf, ein Innsbrucker Bürger zu sein, und sein Lokalpatriotismus hatte etwas Rührendes an sich.

Aber nicht allein Patscheider, sondern auch der Apotheker Tiefenbrunner war ein ausgesprochener Lokalpatriot. Nur daß er nicht die Intelligenz des andern besaß und diesen Mangel auch einsah. So wirkte der Apotheker eben für das Wohl der Stadt auf seine Weise. Es war eine undankbare Aufgabe, die er übernommen hatte. Immer und überall war er das versöhnliche Element, beschwichtigte, wo er konnte, und entledigte sich seines freiwilligen Amtes mit viel Geschick und Takt. Manches Unternehmen kam zustande, weil Tiefenbrunner es zur rechten Zeit verstanden hatte, die widerstreitenden Meinungen der Parteien auszugleichen und zu versöhnen.

Simon Tiefenbrunner war schon durch seine äußere Erscheinung dazu bestimmt, die Rolle eines Friedensengels zu übernehmen. Ein stiller, kleiner Mann mit blassem, farblosem Gesicht, hellen Haaren und Augen. Die Augen waren durch einen Zwicker bewehrt, den der Apotheker stets an einer dicken, schweren Schnur trug. Der Zwicker saß auf dem äußersten Nasenrande seines Besitzers und sah aus, als wäre er immerfort im Begriff herunter zu fallen. Tiefenbrunner machte auch stets den Eindruck, als ob er sich in einem ewigen Kampf mit seinem Zwicker befände. Er hob die Nase höher empor, als nötig war, und sah nie durch die Gläser, sondern stets über dieselben hinweg.

Ein nervöses Zucken, das schmerzhaft zu sein schien, ging in regelmäßigen Zwischenräumen über sein kleines, blaß aussehendes Gesicht. Tiefe Denkerfalten waren auf der niedern Stirne eingegraben. Boshafte Menschen behaupteten jedoch, daß der Apotheker zum selbständigen Nachdenken nur wenig Talent besaß und diese anstrengende Gehirntätigkeit am liebsten seiner besseren Ehehälfte überließ, die das auch gründlich besorgte.

Frau Therese Tiefenbrunner war eine resolute Frau und paßte in jeder Hinsicht vorzüglich zu ihrem Gatten. Sie war der Ausgleich seiner Persönlichkeit und verstand sich prächtig mit ihm. Nie gab es Zank und Streit bei dem älteren, kinderlosen Ehepaar. Frau Therese war eine echte Innsbruckerin und hing mit der gleichen hingebungsvollen Liebe wie ihr Gatte an ihrer Heimat.