Nicht das kleinste Versehen der Kellnerin bleibt von ihr unbemerkt. Die Stammgäste beim Weißen Hahn versichern ihr immer und immer wieder, daß man in ganz Innsbruck nirgends so gut aufgehoben sei und so vorzüglich bedient werde wie bei der Frau Buchmayr.

Seit Sophie die Kellnerin im Herrenstübel war, hatte Frau Buchmayr fast gar keine Ursache zur Klage. Eine wahre Perle schien die Sophie zu sein. Und die Wirtin machte ihr allerzufriedenstes Gesicht, wenn sie bemerkte, wie beliebt die neue Kellnerin bei den Gästen war. Das runde, etwas fett glänzende Gesicht der Wirtin strahlte dann förmlich vor innerer Heiterkeit. Flink war die Sophie und aufmerksam zu jedem Gast im Lokal und voll Witz und Humor.

Es war schwer zu sagen, an welchem der Tische die Sophie beliebter war. Die Herren am Honoratiorentisch waren etwas zurückhaltender in ihrer Bewunderung als die junge Herrenwelt am untern Ende des Zimmers. Aber die Wirtin hatte es wohl gemerkt, daß sogar der Herr Rat Leonhard, der ein ganz erpichter Kartenspieler war und der kaum jemals ein Auge von seinen Karten ließ, jetzt öfters, als gerade notwendig gewesen wäre, über seine Brille hinweg schaute und die Sophie nicht gerade unfreundlich anlächelte.

Der Herr Rat war ein alter, schrullenhafter Junggeselle. Er sprach wenig, war klein und hatte das verzwickte Gesicht eines alten, verdrossenen Mopses. Ohne Pfeife im Mund war er am Stammtisch nur selten zu sehen. Wenn er sprach, hielt er die Pfeife wie ein echter Bauer fest zwischen die Zähne geklemmt. Er entfernte sie nur dann, wenn er sich einen neuen Schluck aus seinem Weinglas einverleiben wollte oder wenn er genötigt war, die Pfeife frisch zu stopfen.

Beim Trinken machte der Herr Rat eine ganz besonders kritische Miene. Sein kleines, faltiges Gesicht schrumpfte dann förmlich zusammen, und die Lippen zogen sich nach innen, um erst ganz langsam wiederzukehren, wenn sie den Geschmack des Weines eingehend geprüft und genossen hatten.

Der Herr Rat war am Stammtisch überhaupt eine tonangebende Persönlichkeit. Das kam daher, weil er sehr wenig sprach und seine Gedanken eigentlich nur auf seinem stets zuwidern Gesicht zu erraten waren. Die Wirtin hatte unter allen ihren Gästen den meisten Respekt vor dem Herrn Rat. Beinahe ängstlich beobachtete sie sein Mienenspiel, wenn er sich eine Speise mit aller Umständlichkeit, deren nur er fähig war, zu Gemüte führte.

Außer dem Herrn Rat Leonhard war noch der Doktor Valentin Rapp eine ganz gehörige Respektsperson am Stammtisch. Und nicht nur am Stammtisch, sondern auch in der ganzen Stadt wurde der Doktor Rapp hoch geschätzt. Wenn man den schlichten Mann in seiner altmodischen Kleidung und mit dem fast bäuerlichen Benehmen so am Stammtisch beim Weißen Hahn sitzen sah, dann hätte man nicht vermutet, welche Rolle im öffentlichen Leben von Innsbruck dieser Mann spielte, der einer der tüchtigsten und gesuchtesten Rechtsanwälte war.

Doktor Valentin Rapp war klein, untersetzt und schon gut in den Vierzigern. Er war aber noch so prächtig erhalten und gab sich so jugendlich, daß man ihn für höchstens Ende Dreißig hätte ansehen können. Voll Temperament und Geist war er, einer der angenehmsten Gesellschafter, die man sich wünschen konnte. Nur brauchte es immer eine Zeit, ehe Doktor Rapp aus sich heraus ging. Fremden gegenüber beobachtete er eine Art scheuer Zurückhaltung, die er erst bei näherer Bekanntschaft und dann nur ganz allmählich abzulegen pflegte.

Der Doktor hatte blondes, volles Haar, scharf blickende dunkle Augen und einen langen blonden Vollbart. Das Gesicht war regelmäßig, aber etwas zu derb geformt und so sehr gerötet, daß es einen dicken, aufgedunsenen Eindruck machte. Wer den Doktor nicht genau kannte, hätte ihn seiner Gesichtsfarbe nach für einen Trinker halten können. Aber Doktor Rapp war in Wirklichkeit ein sehr mäßiger Mann. Mit seiner Halben Wein und einer oder zwei Virginias, die er mit Wohlbehagen rauchte, konnte er sich stundenlang begnügen. Wenn er sprach, klang seine Stimme hell, klar und etwas gebieterisch im Tonfall. Doktor Valentin Rapp hatte seinen Platz stets neben der Wirtin, mit der er fortwährend in einem lustigen Kriegszustand lebte.

Zur rechten Seite der Wirtin saß für gewöhnlich der Herr Kaufmann Patscheider. Ein älterer Mann, groß und knochig, mit rotem Gesicht, hellen Augen und einem kurz geschnittenen graumelierten Schnurrbart, der die dicken, aufgeworfenen Lippen in unangenehmer Art zur Geltung brachte. Die dunkeln, stark ergrauten Haare waren teilweise schütter und standen straff empor. Seine bogenförmig geschwungenen Brauen über den lichtblauen Augen hielt der Herr Patscheider stets emporgezogen, was ihm einen naiv verwunderten Ausdruck verlieh.