Der Verkehr in den engen Gassen der Altstadt ist in den frühen Morgenstunden oft ein so reger, daß die Weiber, die mit ihren Einkaufkörben vom nahen Marktplatz kommen, sich mühsam ihren Weg bahnen müssen.

So lebhaft es hier während des Tages zugeht, so still und ruhig und einsam ist es in den Abendstunden. Die Schritte der wenigen Fußgänger hallen dann mit gleichmäßigem Schall durch die Dunkelheit. Es sind nur einzelne Menschen, die an den Abenden hier ihren Weg suchen. Meist sind es gute Innsbrucker Bürger, die nach ihren Stammlokalen wandeln. Denn Gasthof an Gasthof liegt in den alten Gassen.

Über dem gewölbten Eingang des Gasthofes zum Weißen Hahn prangt ein kunstvolles altes Schild aus Schmiedeisen. Es trägt das Wahrzeichen der Gaststätte, einen riesigen weißen Gockel, umrahmt von einem dichten Blumenkranz. Von außen macht die düstere Mauerfront des Gasthofes einen wenig behaglichen Eindruck. Dafür geht es aber drinnen um so gemütlicher zu. Denn der Weiße Hahn ist eines der beliebtesten Gasthäuser der Innsbrucker Herrenwelt.

Die Bürger der Stadt und die Studenten sitzen hier gar oft bis tief in die Nacht hinein, bis die Uhr vom nahen Stadtturm herüber sie in eindringlichen Schlägen zum Aufbruch mahnt. Der Wein ist vorzüglich beim Weißen Hahn, und die Innsbrucker wissen Behaglichkeit und einen guten „Rötel“ wohl zu schätzen.

Das Herrenstübel beim Weißen Hahn ist eine niedere getäfelte Stube. Ganz braun ist das Holz der Täfelung vom Alter und vom Rauch. Der Tabakrauch vom Herrenstübel ist manchmal so dick, daß man ihn schneiden könnte. Nur wenige Tische gibt es da drinnen. Eng gepfercht sitzen an diesen Tischen die Gäste, und alle rauchen sie und trinken von dem trefflichen echten Rotwein, auf den die dicke Wirtin ihren ganz besonderen Stolz setzt.

Die Wirtin hält sich meistens im Herrenstübel auf und hat ein scharfes Auge, daß ihre Herren gut bedient werden. Sie ist eine alte behäbige Frau, groß und rundlich, mit schlichtem, grauem Haar und mit einem guten, gemütlichen Gesicht, das stets gerötet ist. Von Tisch zu Tisch geht sie mit etwas steifem, schwerfälligem Gang und plaudert mit den Gästen. Denn ein jeder ist ihr bekannt, und mit jedem einzelnen der Stammgäste verbindet sie eine Art freundschaftlichen Verhältnisses.

Beim Honoratiorentisch jedoch hat sie ihren Stammplatz. Diese Ehrentafel ist ein großer, viereckiger Holztisch in der Ecke gleich neben dem Fenster, das auf die Gasse hinaus geht. Nur daß man von hier aus am Abend keinen Ausblick auf die Gasse hat, denn die Fensterläden sind dann geschlossen, und ein dichter Vorhang aus rotem Plüsch verdeckt das Fenster von innen und verleiht dem Zimmer ein ungemein behagliches Aussehen.

Am Honoratiorentisch wird jeden Abend Karten gespielt, bis die Köpfe der Herren vom Wein, vom Rauch, von der Aufregung des Spieles und von der Hitze, die hier drinnen herrscht, glühend rot geworden sind.

Frau Maria Witwe Buchmayr, die Wirtin, ist sehr beliebt bei ihren Gästen. Eine einfache Herzlichkeit geht von ihr aus, etwas Mütterliches und Verständnisvolles für die kleinen Schwächen und Liebhabereien eines jeden ihrer Gäste.

Sie wird bei den Herren als tüchtige Kartenspielerin sehr geschätzt. Während sie in aller Behaglichkeit auf ihrem Stammplatz sitzt und anscheinend für nichts Interesse hat als für das Spiel, entgeht ihrem scharfen, beobachtenden Blick auch nicht das Geringste, was im Stübel passiert. Sie hört und sieht alles und beherrscht, während sie die Karten in der Hand hält und eifrig beim Spiel zu sein scheint, mit ruhiger Sachlichkeit alle Vorgänge im Zimmer.