„Und was dann?“ rief Hellwig außer sich. „Heinz, was dann? Wenn der Aufruhr durch die Länder jagt, über Verwundete und Tote weg, wenn der alte Gesellschaftsbau zerschmettert liegt — was dann? Wie willst du es besser machen? Was willst du an die Stelle des Zertrümmerten setzen? Etwas Großes und Herrliches müßte es sein — und könnte die Opfer doch nicht aufwiegen!“
Und kalt und ruhig erwiderte Heinz: „Du fragst verfrüht, und darauf kann ich dir nur antworten: Ich weiß es nicht!“
„O du! du! So weit bist du schon? — Du weißt es nicht? Und willst doch das Oberste zu unterst kehren, Thron und Reiche stürzen, willst, daß das Chaos hereinbricht — und dann — dann stehst du da, ratlos, tatlos, tappst umher, versuchst, experimentierst — bis du endlich dem betörten Volk gestehen mußt: Ich kann euch nichts Besseres geben! Frei hab’ ich euch gemacht, nun helft euch, wie ihr könnt! Schöne Freiheit das! Mit dem Blute Hunderttausender erkauft — und weiß dann nichts mit sich anzufangen! Arzt sein nennst du das? Ich nenne es morden!“
Mit einem Fluch sprang Karus da auf. In jähem Zorn wollte er auf den Beleidiger los. Aber Heinz trat dazwischen und sagte mit tiefklingender, bewegter Stimme, die Fritz in allen Fibern erschauern machte:
„Einen Golddom wollen wir der Freiheit aufführen, denn Nietzsche hat recht: das Herz der Menschheit ist von Gold! Aber viel Schlacke hat die Zeit daran abgesetzt. Die müssen wir erst lösen. Im Feuer der Empörung, in der Glut des Aufruhrs wollen wir die Menschheit läutern, alle Unreinheit muß verschwinden, nichts als das blanke Edelmetall darf übrigbleiben. — Und bist du einmal so weit, dann greif hinein mit beiden Händen, knete, forme, bilde, baue — mach’ es dann, wie du willst: immer wird ein lauteres Goldwerk sein, was unter deinen Händen ersteht! Darum ist es besser, alles, was krank ist, falle mit einem Mal, als daß es sich fortschleppe von den Kindern zu den Kindeskindern und zur ewigen Pein und Pestbeule werde für die Gesunden!“
Fritz stand da und hielt die geballten Fäuste vor, als wollte er diese furchtbare Auffassung von sich stoßen.
„Heinz!“ sagte er mühsam, unter starken Atemzügen. „Heinz, du willst die Krankheit deiner Brüder heilen — und bist selbst einer von den Kränksten. Widersprich mir nur nicht, es ist so! Das ist ja doch auch ein Zeichen der Krankheit, daß sie sich selbst nicht erkennt: so glaubt der Schwindsüchtige bis zum letzten Hauch an seine Gesundheit. Wer denn gibt dir ein Recht über die andern? Du kannst das Leben nicht schaffen — so darfst du es auch nicht vernichten ...“
Karus unterbrach ihn mit gemachter Roheit: „Predigen Sie nicht, Bergprediger, uns stimmen Sie nicht um! Und Sie werden selbst auch anders reden, wenn Sie nur erst einmal Blut gesehen haben. An nichts gewöhnt man sich schneller als ans Aderlassen. An das aktive, mein’ ich nämlich! Versuchen Sie’s nur einmal!“
Da stürzte Hellwig auf Wart zu, der reglos beim Fenster saß, die Hände vor dem Gesicht. „Heinz!“ rief er in heißer Wallung, und packte ihn an den Schultern und rüttelte ihn. „Heinz, ich bitte dich — um unserer Freundschaft willen bitte ich dich, mach’ dich von dem da frei!“
Heinz rührte sich nicht. Eine ganze Weile stand Fritz noch bei ihm und wartete. Dann wandte er sich traurig, schritt langsam aus der Stube, mit feuchten Augen.