Hellwig achtete nicht auf den Spott und sagte kalt: „Mit dem Argument der Fäuste wird nichts zu holen sein! Klärt lieber die Menschen auf! Und fangt nicht unten damit an, sondern oben, bei denen, die jetzt die Macht haben!“
Da stieß Karus einen Laut aus, halb Lachen, halb Grunzen. „Bergprediger!“ rief er. „Bergprediger, das ist ein weiter Weg! So weit, daß die Erde nicht mehr warm ist, bis er zu Ende gegangen ist. Nein, da lob’ ich mir schon die Kürze des Eisens. Die soziale Frage — lösen? Hm, sie ist wie der gordische Knoten. Man löst ihn nicht, mit dem Schwert muß man ihn zerhauen!“
Während er so sprach, ging er zum Schrank, nahm ein kurzes Handbeil heraus und warf es auf den Tisch: „Da liegt der beste Helfer! Schau’n Sie sich das Ding gut an. Es hat Tyrannenblut geleckt! Deshalb blinkt und lacht’s auch so fröhlich. Hei, das war ein Fest! Freilich ihr — ihr habt Fischblut in den Adern und könnt euch nicht vorstellen, was das heißt: ein Aufstand in Havanna. Damals war’s, daß der Gouverneur — der Hund ließ unter die Rebellen schießen! — mit dieser Hacke ein Verhältnis einging. So ein richtiges treues Verhältnis, das nur der Tod trennen kann. Hat er auch getan, schnell und sicher! — Und seither nehm’ ich das Hämmerchen überall mit hin. Vielleicht könnt’ ich’s noch einmal brauchen. Gelt, du?“
Liebkosend strich er über die blanke Schneide.
Hellwig hatte sich erhoben, tiefen Ernst im Antlitz.
„Dessen rühmen Sie sich noch? Vielleicht wollen Sie gar prahlen mit dem nutzlosen Blutvergießen? Das ist abscheulich roh!“
Nun kam Leben in Heinz. „Nutzlos, Fritz? Nutzlos? O ganz und gar nicht! Sie sind ja reif für das große Sterben! Weil sie den Keim der Fäulnis in sich tragen! Wir brauchen heile, gesunde Menschen, kampffrohe, sieghafte! Und weil wir sie brauchen, müssen wir ihnen den Boden bereiten und Platz schaffen durch den Untergang der Kranken!
Wenn wir allen nur erst den Glauben eingeimpft hätten, den Glauben an die selbsttätige Befreiung, an die Befreiung durch die Tat! Aber solang sie sich nur immer gütlich tun an der Sonne der Erkenntnis, so lang werden sie nicht an den lachenden Sturm glauben lernen, der die Sonne überwindet. Die milde weiße Sonne ist gut für kleine Mädchen und für Greise, wir aber wollen das Brausen des Sturms, den Kampf der Wogen, das Entstehen neuer Länder und Meere aus dem Zusammenbruch der alten. Ewiges Sonnenlicht trocknet das Gebein und dörrt das Blut in den Adern, das Mark in den Knochen. Ewiges Müßiggehen mit Lobgesängen des Friedens auf den Lippen und mit dem beginnenden Verfall im Herzen macht ungeeignet zum Kämpfen. Wir aber sollen immer bereit sein zum großen Kampf und die Kraft nicht zersplittern in kleinen Plänkeleien, nutzlosen Scharmützeln um Tugend, Moral und um die toten und sterbenden Götter!
Viel zu lang haben wir Sonne gehabt, so sind wir faul und lässig geworden. Fechten nur noch mit den spitzigen Dolchen der Worte und den dünnen Stoßdegen des Geistes. Aber unsere Arme können das breite Schlachtschwert nicht mehr heben. Und durch den steten Frieden sind wir geworden wie ein stehendes Wasser ohne Zufluß und ohne Abfluß. Auf dem unbewegten Spiegel blühn die weißen Wasserrosen, aber im schlammigen Grund schlafen die Keime der Fäulnis. Und so die Keime aufwuchern, werden wir sein wie ein großer Sumpf, ein Herd aller Krankheiten und bösen Dünste.
Darum wollen wir, die wir dies erkennen, wie gute Ärzte an der Menschheit handeln: zum Heile der Gesunden wollen wir die Morschen und Siechen, die Bresthaften und Verderbten ausrotten!“