Wenn man den Kommunismus mit der bestehenden Ordnung verknüpfen könnte ... Etwa so, daß je ein Unternehmen allen dabei Beschäftigten gemeinsam gehörte, die Gewinnanteile aber verschieden wären je nach dem Maß der Arbeitsleistung ...

Immer tiefer wühlte er sich in diese Gedanken hinein. Und je mehr er grübelte, desto möglicher und erreichbarer schien ihm eine solche Lösung. Heller wurde die Fernsicht, näher rückte das Ziel. Und endlich stand es vor ihm, zum Greifen nah, in scharfer Klarheit. So mußte es gehen. Und da überkam es ihn mit schöner Zuversicht: Sprich es aus, sag’ es getrost aller Welt! Sie müssen dich hören.

Ein wunderbares Kraftgefühl durchströmte ihn. Lebendig pochten alle Pulse, alle Gedanken drängten sich und schossen zusammen wie Kristalle in einer übersättigten Lösung. Und während Woche um Woche verrann, Monat an Monat sich reihte, arbeitete in der kahlen Kerkerzelle rastlos sein Geist, trug Block zu Block und Stein zu Stein. Lückenlos fügte sich alles, wurde groß und wuchs empor zu einem gewaltigen Bau, der ein Totenmal werden sollte für den Freund und eine Vorhalle zum künftigen Tempel der neuen Werte.


[Viertes Buch]

1.

Während Hellwig im Gefängnis saß, war das allgemeine Wahlrecht Gesetz geworden. Otto Pichler erntete wiederum, wo Fritz die Aussaat besorgt hatte. Er wurde im Wahlbezirk der Bergleute zum Abgeordneten gewählt. Mühelos wie alles war ihm auch das geglückt. Trotzdem er bisher weder in einer ernsten Lage sich bewährt, noch auf besondere Erfolge hinzuweisen hatte, vertrauten sie ihm, da sie sich daran gewöhnt hatten, dem Nachfolger als Verdienst anzurechnen, was der Vorgänger erkämpfte: den ruhigen Verlauf der Zeit in Zufriedenheit und Ordnung bei reichlicherem Erwerb und kürzerer Arbeitsdauer.

So kam Otto in die Hauptstadt, hielt eine Jungfernrede voll geistreicher Wendungen und glänzender Nichtigkeiten, sprach dann noch ein paarmal bei wichtigen Anlässen und befragte die Minister, so oft es seine Wähler verlangten. Damit glaubte er fürs erste genug getan zu haben und machte sich nun daran, das Leben auch einmal mit einem Geldbeutel zu genießen, den die Bezüge angenehm schwellten.

Bei den Kabaretten und Wintergärten fing er an, gewann hier Fühlung mit Kunstbeflissenen, die dekadent und kraftlos ihre Ohnmacht hinter Stimmungen zu verbergen und ihre Unfruchtbarkeit durch Anregungen zu heilen suchten. Diese Leute benutzte er, um sich Zutritt zu den Firnistagen der Ausstellungen zu verschaffen, schloß hier neue Bekanntschaften, knüpfte die mannigfaltigsten Beziehungen an und war bald in die Gesellschaft eingeführt. Zwar hütete er sich noch, mit Großkapitalisten und Geldmännern öffentlich zu verkehren. Aber als er Deming im Theater traf, verbeugte er sich doch vor ihm und hatte die Genugtuung, daß der kaiserliche Rat, der mit seiner Tochter den Winter in der Hauptstadt zubrachte, ihn wie einen Bekannten begrüßte und sich leutselig nach seiner dermaligen Tätigkeit erkundigte.

Ein paar Tage später erhielt er die Einladung zum Empfangsabend des Direktors. Er schwankte lang, ob er hingehen sollte. Endlich tat er es doch. Gretes junge Schönheit lockte zu stark.