Der gewichtige Mann kam ihm freundlich entgegen, klopfte ihn wohlwollend auf die Achsel und sagte, daß es ihn sehr freue, den Doktor Pichler, dessen glänzend und geistvoll geschriebene Abhandlungen er stets mit Vergnügen lese, bei sich begrüßen zu können. Der Doktor gelte zwar für einen Freigeist und Feind der bürgerlichen Gesellschaft, aber das tue gar nichts. Denn in seinem Hause komme es nur auf den Menschen an, nicht auf die Gesinnung.

Otto verneigte sich geschmeichelt und wurde den Gästen vorgestellt: Exzellenzen, Baronen, reichen Kaufherren. Er, Doktor Otto Pichler, kam sich ordentlich klein vor neben so viel Geld und Titel und Würden.

Und Grete, die in ihrem weißen Seidenkleid wie ein schöner Sommertag leuchtete, war voller Huld und Gnade. Er durfte sie zu Tisch führen, eine Auszeichnung, um die ihn viele beneideten und die sogar er, Doktor Otto Pichler, Feuilletonist, Schriftleiter und Abgeordneter, sogar er sich nicht recht erklären konnte. Woher auch hätte er wissen sollen, daß es im Kampfe gegen die Demokraten der geheime Feldzugsplan Demings war, ihnen die besten und fähigsten Führer zu ködern und abspenstig zu machen?

Grete verstand zu plaudern. Sie hatte alles gelesen, alles gesehen, was gerade Mode war, sprach mit der größten Sicherheit darüber, und ihr Tischnachbar war der letzte, der ihr die oberflächliche Dreistigkeit übelnahm, mit der sie über die verwickeltsten Probleme, die schwierigsten Fragen und über die besten Männer der Zeit ihr Urteil abgab. Er tat’s ja auch nicht anders. An jenem Abend aber kam er gar nicht dazu, das volle Feuerwerk seines beweglichen Geistes sprühen zu lassen. Die vornehm gedämpfte Üppigkeit der Umgebung, das ausgesucht feine Essen, die erlesenen Weine und echten Importzigarren, das Schimmern entblößter Schultern und milchweißer Nacken im hellsten Lichterglanz: das alles war ihm ungewohnt, in ein schönes Zauberland glaubte er hineinzuschauen, nur wie aus weiter Ferne drang das Schwirren der Unterhaltung an sein Ohr. Und es wurde ihm, als glitten unsichtbare weiche weiße Frauenhände über die zartesten Saiten seiner Seele und ließen sie erklingen in sinnverwirrender, unsäglich süßer Musik.

Und als er spät nachts seiner Wohnung zuschritt, da war etwas wie Neid in ihm. Neid gegen jene, die der Sorgen um des Lebens Notdurft überhoben, nach Lust und Laune ihrer Neigungen leben und die Erde zum Paradies sich wandeln konnten.

Seither verkehrte er oft bei Deming. Aber er erzählte seinen Parteigenossen nichts davon.

2.

Es war in den letzten Tagen des Mai, als Hellwig aus der Strafanstalt in die Hauptstadt zurückkehrte. Dort hielt er sich jedoch nur gerade so lang auf, als er benötigte, um den Rucksack zu packen und sich einen einjährigen Urlaub zu erwirken. Innerhalb dieser Zeit hoffte er mit seinem Werke fertig zu werden. Über Plan, Aufbau und Einteilung war er sich klar, brauchte nun für die Ausführung ganz freie Bahn. Seine Ersparnisse ermöglichten ihm die Unterbrechung.

Als er dann noch die Wohnung gekündigt und seine Habseligkeiten nach Neuberg vorausgesendet hatte, machte er sich ungesäumt auf die Wanderung. Er wollte den Weg in die Heimat zu Fuß zurücklegen. Denn wie ein Rausch hatte es ihn angepackt, als er nach der langen Haft wieder Felder erblickte, grüne Fluren, Wälder, Berge, die runde hohe Himmelsglocke über der blumigen Erde.

Auf einsamen Steigen und Fußwegen ging er, ging über die Kämme und durch die engen Gebirgstäler Oberösterreichs zum Böhmerwald hinüber und durch die düsteren, waldreichen Gebirgsmassen nordwärts, ließ sich die Sonne ins Gesicht scheinen, den Wind um die Ohren blasen, vom Regen die Stirn kühlen und ging nur immerzu, atmete, schaute und drängte sich an die Brust der Erde wie ein hungriges Kind. Selten nur machte er in einem Wirtshaus Rast, übernachtete oft im Freien. Bei schlechtem Wetter bat er in Dörfern oder Einschichten um Unterkunft, mit den Bauern teilte er Roggenbrot und Milch.