Zehn Tage wanderte er so durch den werdenden Sommer. Seine Wangen wurden rot, sein Gesicht vom Wetter gebräunt. Der Stickluft des Kerkers entronnen, dehnten sich die Lungen, badete sich der Körper in dem herben Ozon, wurde leicht und frisch und aller Mühsal ledig, wie ein junger Krieger, der sich zu frohem Kampfe rüstet.

Und am elften Tag, da schritt er mit dem erwachenden Morgen seiner Vaterstadt zu. Die Sonnenpfeile hatten Wunden geöffnet im Leib der Nacht, und sie verblutete langsam. Langsam stieg die Sonne herauf, und über den Hügeln war ein Leuchten wie rotes Gold. Der Morgenwind hatte schon ausgeschlafen, weckte die Waldsänger und läutete mit allen Blütenglocken. Tautropfen hingen an den Blättern, die Lerchen flogen jubelnd der Sonne entgegen, und eine große Frische war überall. Und die Sonne stieg höher und höher.

Mit einem wilden Schrei breitete er beide Arme aus, weit, weit —

Vor ihm, tief unten im Tal, lag seine Vaterstadt. Der schlanke Kirchturm mit dem eisernen Kreuz, die roten Ziegeldächer, in grüne Gärten eingebettet, von runden Obstbäumen bewacht, umdrängt von gelben Ährenfeldern, die dem Herbst entgegenreiften an der treuen Mutterbrust. Zwischen Weiden und Erlen schlang der Fluß sein stahlglänzendes Band durch die Wiesen und unter Mühlenrädern fort. Und die Mühlenräder drehten sich und rollten, und von ihren Schaufeln fiel ein funkelnder Regen von Edelsteinen.

Unter dem breit schattenden Blätterdach der hohen Linde, die, ein Wahrzeichen seit Jahrhunderten, auf dem Hügel stand, ruhte der Heimgekehrte und blickte in das leuchtende Tal hinab, wo tausend Erinnerungen mit frohen Augen ihm entgegen schauten, mit weißen Kinderhänden winkten, die Arme verlangend nach ihm streckten. Und seine Jugend kam leise zu ihm her, legte das blonde Haupt in seinen Schoß und lächelte ihm zu. Und ruhiger schlug ihm das aufgeregte Herz, sachter wurde die Freude. Eine sanfte Wehmut klang hinein, unbestimmt, fernher, wie ein weicher Mollakkord. Und ein wunschlos träumendes Gefühl des Geborgenseins umfaßte ganz warm seine Seele, und sie ruhte darin und bebte wie ein aus dem Nest gefallener Vogel zwischen zwei helfenden Menschenhänden.

Lang saß er so mit gelösten Gliedern und schaute und konnte sich nicht satt sehen an der ruhevollen Schönheit seiner Heimat. Über dem blühenden Wipfel hing der Himmel hell und unbewegt wie ein seidenes Fahnentuch und leise summten die Bienen ihr süßes Lied.

Und nach den starken Fußmärschen der letzten Tage, dem kurzen Schlaf auf unbequemen Lagern, den Aufregungen der Stunde forderte der Körper sein Recht. Wohliges Ermatten wiegte ihn ein, die Lider wurden ihm schwer. Er streckte sich lang aus im leicht bewegten Gras, sah durch das helle Wipfelgrün in den blauen Himmel hinein und ließ sich willenlos hinübertragen in das uferlose Meer der Träume.

Ihm träumte:

Er ging mit Heinz durch einen großen Wald. Der war ausgetrocknet vom Sonnenbrand, und die Zittergräser auf seinem Grunde waren fahl und dürr. Aber die Vögel sangen in seinen Kronen, und unter den Zittergräsern blühten die Blumen. Eine große Schönheit war in diesem Walde, die sonnenheiße Schönheit des reifen Sommers.

Und Heinz sprach: „Wie groß muß erst deine Schönheit sein, du warmer Wald, wenn alle Flammen, die in deinen Stämmen und Gräsern schlummern, mit eins erwachen und emporschlagen in lohender Glut. Wohlan, du warmer Wald! Ich will deine Flammen wecken! Ich will dein Herold sein, dein Befreier und Erlöser!“