„Guten Abend, Hellwig,“ sagte er leise und ließ die Augen nicht von ihm.
Nun kam Fritz näher, hielt am Fußende des Bettes und sagte: „Servus, Wart! Was treibst du denn für Geschichten? Krank sein — das gibt’s doch nicht! Sieh lieber, daß du bald wieder ins Französisch kommst.“
Die Mutter tat einen tiefen, freien Atemzug. Sie hatte heimlich vor diesem Zusammentreffen gebangt, hatte gefürchtet, daß Hellwigs kantige Art den Kranken verletzen und aufregen könnte. Nun sah sie den warmen Blick, hörte den herzlichen Klang der vor kurzem noch so trotzig rauhen Stimme und schämte sich im stillen ihrer argen Meinung.
„Bleib nur liegen, du!“ flüsterte sie beglückt und drückte ihren Jungen, der sich aufrichten wollte, in die Kissen zurück. „Herr Hellwig setzt sich zu dir, da könnt ihr reden ... aber nicht zu lang, nicht wahr?“
Bittend schaute sie den Besucher an und wies auf einen Stuhl neben dem Lager.
„Ich könnt’ ebenso gut stehen!“ entgegnete Fritz wieder kalt abweisend. Als er jedoch die ängstlich-erwartungsvolle Miene des andern sah, verstummte er und setzte sich.
Geräuschlos glitt die Frau aus dem Gemach. Im dunklen Nebenzimmer verließ sie die mühsam behauptete Fassung. Sie hatte Hellwig auf ihre eigene Verantwortung herbeigeholt, versprach sich davon eine raschere Wendung zum Gesunden. Wenn nur, ach, wenn nur endlich alle Gefahr vorüber wäre! Und die Sorge um das Leben des Kindes senkte sich wieder schwer und lautlos auf das blonde Haupt, die schlanken Schultern und drückte sie nieder. Wie unter eine wuchtende Last geduckt, stand sie ohne Regung und versuchte mit beiden Händen das übermächtig schlagende Herz zu halten. —
„Was willst du von mir?“ fragte Hellwig den Kranken. Der schaute hilflos gegen die Zimmerdecke und dann suchend im Raum umher. Da fiel sein Blick auf einige Bücher, die in grünen Einbänden neben der Lampe und zwischen Arzneiflaschen auf dem Tisch lagen. Wie Erlösung überkam es ihn.
„Mutter hat mir Darwin geschenkt!“ sagte er lebhaft. „Die große Ausgabe. Den mußt du lesen, ich leih’ dir ihn!“
Eine Sekunde nur blickte Fritz in die Augen, die ihm groß und leuchtend entgegenstanden: dann hatte er begriffen. Hatte begriffen, daß hier vor ihm einer seines Wesens lag, gleich scheu und zurückhaltend und zu stolz, um sich aufzudrängen. Und er wußte mit einemmal, daß dieser schmächtige schwarzhaarige Mensch, den er im großen Troß der andern mit übersehen hatte, schon seit langem, heimlich und ohne sich zu verraten, sein Freund war. Und auch er fühlte sich jetzt, da er den Spuren der scharf geprägten Züge in dem geistreichen Antlitz nachforschte, mächtig zu ihm hingezogen. Aber er ehrte das Schamgefühl des andern. Deswegen antwortete er scheinbar ganz gleichgültig auf dessen Anerbieten.