In banger Erwartung streckte sie ihm die Hand hin. Doch er schlug nicht ein. Wohl war er mit wachsender Teilnahme ihrem Reden gefolgt, das ganz neue Gebiete vor ihm aufschloß. Hatte die hohe Auffassung einer gewissenhaften Mutter von ihren Pflichten gegenüber dem Kinde mit immer heißerer Ergriffenheit wahrgenommen und über Worte gestaunt, die er niemals einer Frau zugetraut hätte. Aber er war seines Vorsatzes, nie zu lügen, eingedenk und antwortete mit jener ungelenken Rauheit, die bei ihm stets herhalten mußte, wenn er weich zu werden drohte: „Wart ist mir fremd. Ich kann gar nichts versprechen.“

Die Frau ließ mutlos den Kopf hängen. Fritz kam sich wie ein Verbrecher vor, als er den leidvollen Ausdruck ihres Gesichtes wahrnahm. Wie aus einer anderen, lichteren Welt erschien sie ihm, die Verkörperung alles Lieben, Zarten, Gütigen. Eine warme Welle flutete in ihm empor. Am liebsten hätte er ihre Hände gefaßt und um Verzeihung gebeten, daß er ihr weh tat. Aber er biß nur die Zähne zusammen und verdoppelte den Schritt, so daß sie ihm kaum nachkommen konnte.

„Seien Sie wenigstens freundlich zu ihm!“ bat sie.

Und er darauf: „Ich bin kein Lausbub!“

Nun standen sie vor dem alten Bürgerhause auf dem Marktplatz, das mit Erkern und Simsen und Vorsprüngen, mit Luken, Giebeln und steilen Dachflächen düster und massig in die Luft hineinwuchs. Kisten und Fässer und Ballen und Tonnen türmten sich allenthalben im wölbigen Flur, lagen im breiten Stiegenhaus und verengten die kühlen Korridore, überhuscht von den spärlichen Reflexen schwelender Kerzen hinter verstaubten Gläsern.

Polternd klangen die Schritte der beiden im Hinansteigen über die bequeme Holztreppe. Nun hielten sie vor der hohen dunklen Wohnungstür, ein Dienstmädchen öffnete, und sie traten ein. Flüsternd erkundigte sich die Frau nach dem Befinden ihres Kindes und erhielt befriedigende Auskunft. Da öffnete sie eine zweite Tür, winkte Fritz, daß er ihr folgte und schritt durch ein unbeleuchtetes Zimmer mit weitem Raum. Undeutlich hoben sich die Gegenstände aus dem schwachen Lichtschein, den die Straßenlaternen zu den Fenstern hinaufsandten, in florigen Teppichen versank der Fuß, und leis klirrten ein paar Gläser im altdeutschen Schrein. Hellwig tastete sich durch mit vorgestreckten Händen, stieß an einen Stuhl. Da drehte sich wieder eine Tür geräuschlos in den Angeln und ein grün gedämpftes Lampenlicht quoll durch den Spalt.

Sie waren im Krankenzimmer. Mit der Schmalseite an die Wand gerückt, von den drei anderen Seiten frei zugänglich, schob sich ein breites Eichenbett bis in die Mitte des Gelasses. Darinnen war, fast so weiß wie die Kissen und Linnen, ein mageres Antlitz sichtbar, von einem dichten Kranz tiefschwarzer Haare eingefaßt und von zwei mächtigen dunklen Augen überleuchtet, die es ganz beherrschten und noch abgezehrter erscheinen ließen.

Frau Wart war sofort bei ihrem Sohne.

„Wie geht’s dir, mein Junge? Hast du auch brav geschlafen?“ fragte sie und war prächtig anzusehen in der wohltuenden und beruhigenden Heiterkeit, hinter der sie alle ihre angstvolle Sorge barg. Der Kranke gab keine Antwort, sondern schaute mit seinen glänzenden Fieberaugen an ihr vorbei auf Fritz, der stumm unter dem schweren Türvorhang stand. Sie bemerkte den Blick, nickte ihm zu und lächelte: „Ist’s dir recht? Du hast ihn ja haben wollen.“

Da stieg ein sachtes Wellchen Blutes in das eingefallene Gesicht, leuchtete durch die Haut und warf einen zartroten Schein darüber.