Eines Tages, es war bereits spät im Oktober, kam die schöne achtunddreißigjährige Frau des reichen Kaufmannes Wart zu Hellwig und bat ihn, mit ihr zu gehen, ihr Sohn verlange nach ihm.
Fritz war über dieses Ansinnen sehr verwundert, da er den jungen Wart, der die siebente Klasse des Gymnasiums besuchte, nur aus einem gemeinsamen französischen Lehrkurs ganz flüchtig kannte. Er sagte deshalb der unerwarteten Besucherin, die in ihrem schwarzen Seidenkleide fein und fremd zwischen den vermummten Lehnstühlen stand, hier müsse ein Irrtum vorliegen. Sie aber entgegnete, sie irre sich nicht, ihr Junge habe schon oft von Fritz Hellwig gesprochen, namentlich in der letzten Zeit, als die Geschichte mit dem Religionsprofessor vorgefallen sei.
Fritz aber, der sich nur sehr schwer an Menschen anschloß und vor neuen Bekanntschaften förmlich Angst hatte, antwortete kurz, daß er den Heinrich Wart viel zu wenig kenne und keinen Anlaß habe, ihn zu besuchen. Wenn jener etwas von ihm wünsche, solle er’s in der Schule sagen.
Auf eine so schroffe Abweisung war die Frau nicht gefaßt gewesen. Sie brach in Tränen aus und rief ganz aufgeregt, das sei unschön und lieblos gehandelt. Er könne sich denken, daß ihr ungewöhnliches Begehren auch einen ungewöhnlichen Grund haben müsse. Kurz und gut, ihr Sohn sei schwer krank, man wisse überhaupt nicht, ob er wieder aufkommen werde. Heute, nachdem er mehrere Tage im Fieber gelegen und nur fortwährend phantasiert habe, heute habe er auf einmal den Wunsch geäußert, mit Hellwig zu sprechen. Er solle nicht hart sein, vielleicht handle es sich um den Wunsch eines Sterbenden.
Da nahm er wortlos den Hut vom Nagel und ging mit.
In den Gassen war es schon dämmrig, ein steter feiner Regen fiel und schien das Leben in der Stadt langsam auszulöschen. Kein Fuhrwerk rasselte, es bellte kein Hund und nur ab und zu hastete jemand mit aufgespanntem Schirm eilfertig vorbei, den Rockkragen emporgestülpt und die Hosen unten aufgekrempelt, ohne das seltsame Paar zu beachten. Die Frau schritt unbekümmert um den Regen, der ihr ins Gesicht schlug und Perlen in ihr Blondhaar streute, rasch vorwärts. Ihr Kleid knisterte und rauschte über das nasse Pflaster, sie raffte es nicht, hätte auch keine Hand hiezu frei gehabt, denn mit der Rechten hielt sie das Taschentuch vor die Augen, während sie die behandschuhte Linke leicht auf Fritzens Arm legte, als fürchtete sie, er könne ihr noch im letzten Augenblick davonlaufen. Die Sorge war unnötig. Nun er sich einmal entschieden hatte, war zugleich auch jene ruhige Entschlossenheit über ihn gekommen, mit der er stets an die Verwirklichung seiner Vorsätze zu schreiten pflegte. Und wenn sich auch bisweilen mitten in der Ausführung seine noch nicht gefestigte Jugend aus der Bahn drängen ließ, früher oder später vollendete er doch immer, was er sich vorgenommen hatte.
Die schlanke Frau an seiner Seite begann zu sprechen. Erst leise und zögernd, als schämte sie sich. Bald aber vergaß sie die Zurückhaltung, ging aus sich heraus und redete sich das Leid vom Herzen herunter, wie wenn sie sich einem langjährigen älteren Bekannten anvertraute und nicht dem blutjungen Schüler, der trotz seiner Größe im Schultermaß nur wenig höher als sie auf langen Beinen nebenher lief, den Blick geradeaus gerichtet und die Hand zur Faust geschlossen.
Was sie sagte, war nichts anderes als die alte Klage der Mütter heranwachsender Söhne. Aber sie gab nicht dem Sohne schuld, daß er ihr Sorgen mache, sondern sich selbst und quälte sich mit harten Zweifeln, daß sie ihn vielleicht in seiner Entwicklung durch eine fehlerhafte Erziehung verpfuscht oder nicht die Fähigkeit gehabt habe, den sonderbaren Knaben zu verstehen und sicher über die Schwelle der Kindheit hinüberzuleiten.
Seine Begabung, sagte sie, sei ungewöhnlich, reich und vielversprechend seine Anlagen. Aber ihr Mann halte von solchen Sachen nichts und sie, die Mutter, habe vieles, das ihr notwendig schien, unterlassen müssen, um das väterliche Ansehen nicht zu untergraben. Bei dieser zwiespältigen Führung sei der Junge ratlos geworden, sei noch immer unselbständig und unfrei und beuge sich zu sehr vor einem fremden Willen. Am meisten aber betrübe sie seine Art, mit den kleinen Leuten umzugehen, mit Dienstboten, Bettlern und Landstreichern. Überzart und vorsichtig wie mit rohen Eiern, verlegen und schüchtern wie ein Bittender, wo er befehlen sollte — immer in der Sorge, ja niemandem weh zu tun. Denn er achte das Menschentum auch in seiner erbärmlichsten Fratze, aber — und das sei ihr Kummer — darüber vergesse er sein eigenes, lasse sich ausbeuten und habe schon mehr als einmal freiwillig die Strafe auf sich genommen, die ein säumiger Laufbursche oder ein naschhaftes Stubenmädchen verdienten.
Die Sprecherin holte tief Atem und fuhr leidenschaftlich fort: „Mein armer Heinz hat den Mut zum Leiden und Schweigen, aber keinen Willen zur Tat! Drum reißt’s ihn so zu Ihnen! Weil Sie haben, was ihm mangelt! Er schwärmt für Sie, ist einfach in Sie vernarrt! Das hat er mir zwar nicht gesagt, aber ich weiß es doch! Ich kenn’ ihn ja durch und durch — aber nur so, wie Schätze in einem Glaskasten. Ich hab’ keinen Schlüssel, kann nicht zu ihm, ohne eine Scheibe zu zerbrechen. Sie aber könnten es ... Wenn Heinz am Leben bleibt — er wird — er muß! — dann ... nicht wahr, — Sie werden sein Freund! Er braucht einen starken Menschen, an den er sich klammern, aufrichten, emporranken kann! Der ihn lehrt, auf den eigenen Füßen zu stehen und eine eigne Meinung nicht bloß zu haben, sondern auch durchzusetzen! Dann versprech’ ich mir viel von ihm! Nicht wahr, Sie werden ...?“