Eilig rannte er fort.
Pichler ging nach Hause. Er schämte sich noch ein wenig und war doch froh, daß die Geschichte wieder in Ordnung war. Das war ja ausgezeichnet gegangen. Eine heiße Zuneigung zu Fritz stieg plötzlich in ihm auf und das Verlangen, ihm etwas Liebes zu tun. Er wußte nur nicht, was. Und wie öfters schon, faßte er wieder einmal den Entschluß, ein guter, ganz makelloser Mensch zu werden; sich zu Wissen, Ansehn, Bedeutung hinaufzuarbeiten. Im Geiste sah er sich schon Stufe um Stufe erklimmen, angestaunt, beneidet, von vielen umworben. Auf einen machtvollen Posten gestellt, erwarb er Millionen und verfügte unumschränkt darüber, beschenkte fürstlich seine Bekannten, half dem Freunde zu Glück und Ehren.
Immer kühner schwang sich seine Phantasie empor. Als er vor dem ärmlichen Hause stand, wo ihm ein biederer Spengler Kost und Wohnung gewährte gegen die Verpflichtung, seine zwei dickköpfigen Buben durch das Untergymnasium zu lotsen, da wurde es ihm schwer, sich in der Wirklichkeit zurecht zu finden. Die gehobene Stimmung verließ ihn aber den ganzen Abend nicht mehr. Seine Ungeduld drängte ihn, mit der Erwerbung eines umfangreichen Wissens sogleich zu beginnen. Er kramte in seiner Bibliothek, die sich zumeist aus Bändchen der Reclamschen Sammlung zusammensetzte, nahm bald dies, bald das in Angriff und fand keine rechte Ruhe.
Da fiel ihm Kants Kritik der reinen Vernunft in die Hände. Er hatte das Werk stets unverdaulich und langweilig gefunden, war trotz wiederholter Anläufe nicht über die ersten hundert Seiten hinausgekommen. Heute aber beschloß er, sich durch den ganzen umfangreichen Band durchzufressen. Die Beine unterm Tisch lang ausgestreckt, das Gesicht zwischen beiden Fäusten, saß er in der Bodenkammer, die bei besserem Geschäftsgang gewöhnlich einem zweiten Gesellen des Spenglers zugewiesen wurde, blies gewaltige Rauchwolken aus einer langen Pfeife und begann zu lesen.
‚Wenn mich Fritz so sähe,‘ dachte er selbstzufrieden und legte sich ins Zeug, als beabsichtigte er durch eine solche Überwindung dem gekränkten Freunde ein Sühnopfer darzubringen.
Aber je länger er saß, je schwächer wurde seine Aufmerksamkeit. Auf dem Fundamente einer Welt der ‚Dinge an sich‘ bauten seine Gedanken bald wieder prunkvolle Luftschlösser in den Himmel hinein, und die rosige Zukunftsphantasterei eines ehrgeizigen Jünglings schnitt dem kategorischen Imperativ der Vernunft eine spöttische Grimasse.
Unterdessen verging Frau Hellwig vor Sorgen um ihren Jungen, der heute noch seltsamer als sonst war, kein Wort redete und das Abendessen unberührt ließ. Hätte sie in sein Inneres schauen können, die Sorgen wären freilich einem großen Mitleid mit dem armen Grübler gewichen. Schwerblütig, wie er war, legte er dem Vorfall eine übergroße Bedeutung bei. Er litt nicht so sehr unter dem Verrat Ottos, sondern weil er sich selbst untreu geworden war und kein Recht mehr hatte, Pichlern zu zürnen. Denn er war selber feig gewesen. Oder war es etwa nicht Feigheit, zu schweigen, nur weil ein paar Dutzend Augen auf ihn geschaut hatten. Wie sollte er der Wahrheit zum Sieg helfen, wenn er sich fürchtete, sie laut auszusprechen? Beispielgeber hatte er sein wollen — und war vor sich selbst fahnenflüchtig geworden. Wessen er Otto geziehen, er selbst hatte es begangen — und besaß nicht einmal eine Entschuldigung dafür.
So peinigte er sich und konnte die ganze Nacht keinen Schlaf finden. Er faßte keine guten Vorsätze, denn er hatte alles Zutrauen zu sich verloren. Und es dünkte ihm wertlos, etwas, das er nie hätte tun dürfen, durch den Entschluß gutzumachen, es in Zukunft nicht wieder zu tun. In dieselbe Lage konnte er sich nicht zurückversetzen, die war unwiderruflich vorbei und der Makel nicht mehr wegzuwischen.
An allen Gliedern wie zerschlagen, die trüben Augen dunkel unterrändert, erschien er den nächsten Tag in der Schule. Otto war ebenso überrascht wie dankbar, daß Fritz mit keinem Wort auf das Vorgefallene zurückkam und weiter mit ihm verkehrte, als hätte es nie ein Gestern gegeben. Von dem harten Ringen, das zwischen Abend und Morgen lautlos vor sich gegangen, hatte er freilich keine Ahnung, hätte es auch nicht begriffen. Für ihn war jetzt alles wieder im Gleis, zumal auch Pater Romanus nicht dergleichen tat und es schien, als beabsichtigte er die Geschichte im Sand verlaufen zu lassen. Eine vorläufige Folge sollte sie aber doch haben.