Auf Hellwigs Werbung hatte er nur die bittere Antwort: „Recht so! Nehmt mir nur auch das letzte noch weg!“ und ging schwerfällig in sein Schreibzimmer, wo er sich einschloß.

Später kam er mit keinem Wort darauf zurück, sagte auch nichts, als er die Vorbereitungen zur Aussteuer gewahrte. Und nur einmal, als sich Heinzens Todestag zum zweitenmal jährte, meinte er, bevor er sich schlafen legte, traurig zu seiner Frau: „Schön sind wir dran, Mutter, auf unsere alten Tage. Der eine ...“ — er verschluckte das häßliche Wort — „die andere — heiratet einen, der auch schon eingesperrt war. Wer weiß, was noch kommt. Er ist ja von der gleichen Sorte!“

Und als Frau Hedwig mit gefalteten Händen vor ihn hintrat: „Sei doch nicht so verzweifelt, Nikl!“, wehrte er ab: „Laß gut sein, Mutter, red’ nichts. Es wird nicht anders durchs Reden!“ Dann zog er sich die Decke über das Gesicht hinauf und tat, als ob er schliefe. Aber die Gattin, die auch schlaflos lag, hörte sein unterdrücktes Stöhnen, das in Pausen immer wiederkehrte, bis zum grauenden Morgen.

4.

Hellwig arbeitete an seinem Buche und die ganze Fron des Schaffenden lernte er kennen. Spürte am eigenen Leib, wie schwer so ein Werk auf seinem Schöpfer lastet, wie es ihn nie zu Atem kommen läßt, vorwärts peitscht und auch in den Stunden notwendigster Rast gefangen hält und quält und nicht frei gibt, bis es irgendeinem Ende zugeführt ist. Selbst die kargen Augenblicke, die er sich für seine Braut abrang, kamen ihm wie ein Raub vor, und er konnte ihrer nie ganz froh werden. Immer war ihm, als versäumte er etwas, das notwendig getan werden mußte, das auf ihn wartete, nach ihm schrie und ihn mit tausend Ketten zog. Zerstreut und fahrig war er und früher, als er gewollt, brach er dann gewöhnlich auf. Manchmal bäumte er sich gegen diese Fron, wollte sie abschütteln und trug sie doch auch wieder gern.

Es war ein merkwürdiger Brautstand. Doch Eva war damit zufrieden. Sie verlangte keine Zärtlichkeiten. Was ihm recht war, war auch ihr recht, und nur ihn ganz verstehen wollte sie lernen und sein Leben ganz von tief auf mitleben wollte sie.

So störte sie ihn nicht. Aber mit dem Werk ging es doch nicht richtig vorwärts. Das müde Wesen des Kaufmanns wirkte auf Fritz wie ein beständiger Vorwurf. Er fühlte, daß das nicht so bleiben durfte. Gerade hier mußte volle Klarheit herrschen. Doch die wollte nicht kommen. Der Kaufmann ging jedem Alleinsein mit seinem zukünftigen Schwiegersohne hartnäckig aus dem Weg. Aber endlich mußte er ihm doch Rede stehen.

Draußen vor der Stadt in den Feldern war es. Hellwig hatte während einer langen Wanderung den weiteren Aufbau seines Buches überdacht und ging arbeitslustiger, als er es seit Tagen gewesen, heim. Da sah er vor sich die untersetzte Gestalt Wart Nikls auftauchen, der einsam seinen Abendspaziergang abtat. Fritz schritt rascher aus, holte ihn ein und erhielt auf seinen kurzen Gruß noch kürzeren Dank. Da sagte er ohne weitere Einleitung: „Warum weichen Sie mir aus, Herr Wart?“

„Lassen Sie das!“ antwortete der Kaufmann schroff.

„Nein, so kann es nicht bleiben, Herr Wart, einmal muß es gesagt werden: Geben Sie mir mit schuld, daß Heinz gestorben ist?“