Mark lachte höhnisch, und Leibinger tat jetzt wieder den Mund auf: „Setz’ dich nur aufs hohe Roß, du dunkler Ehrenmann!“ rief er. „Wir bringen dich schon herunter!“ Aber Hellwig hatte bereits die Tür hinter sich zugemacht.
Im Lesezimmer stand er wie betäubt. Kolben legte ihm die Hand auf den Arm: „Nun, Fritz?“
„Laß nur, Albert ... laß!“
Den gläsernen Briefbeschwerer nahm er vom Tisch, hielt ihn gegen das Licht, sah hindurch und legte ihn aufs Fensterbrett. Er ließ das Gewebe der Stoffvorhänge durch seine Finger gleiten, als wollte er die Festigkeit der Fäden prüfen. Er öffnete das Fenster, lehnte sich hinaus und schloß es dann gleich wieder.
Immer heftiger arbeitete es in ihm. Und endlich sank er, der in seiner Vertrauensseligkeit Getäuschte, in seiner kinderklaren Arglosigkeit Betrogene, sank Fritz Hellwig schwer auf einen Stuhl und legte beide Hände vors Gesicht.
„Das arme Volk!“ stöhnte er zu tiefst aus der Brust heraus. „Das arme, arme Volk!“
10.
Aber er blieb nicht untätig dem Schmerz hingegeben. Am selben Nachmittag noch reiste er in den Kohlenbezirk. Pfannschmidt, telegraphisch verständigt, erwartete ihn. Noch in der Nacht wurde ein Flugblatt fertig. Den nächsten Abend sollte eine Versammlung, am Sonntag aber ein Meeting unter freiem Himmel abgehalten werden. Der anbrechende Morgen fand Hellwig mitten unter den Bergleuten. Er fuhr von Schacht zu Schacht, verständigte die Knappschaften, verteilte die Flugblätter.
Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht von seiner Anwesenheit. In hellen Haufen kamen sie abends in den Versammlungssaal. Dort hatten sich auch Anheim und Leibinger eingefunden.
Von stürmischem Jubel begrüßt, trat Hellwig hinter den Rednertisch. Es dauerte Minuten, bevor er sich verständlich machen konnte. Dann aber wurde es lautlos still. Seine geschulte Rednerstimme war bis in den entferntesten Winkel des großen Raumes vernehmbar. Leibingers Anhang versuchte wohl anfangs durch Räuspern und Scharren den Redner zu stören. Aber Anheim winkte ab. Er hatte sich für das Zuwarten entschieden.