Im Nebenraum trat ihm Frau Wart entgegen: „Nun?“
„Ich hab’ mir einen Band Darwin ausgeborgt!“ sagte er unwirsch, hastete an ihr vorbei, durchs Vorzimmer und über die Treppe hinab ins Freie.
3.
Der November war noch nicht zu Ende, da hatte Hellwig sämtliche Schriften Darwins bewältigt. Die Mutter wurde auf sein Treiben aufmerksam und drang nachts in sein Zimmer, wo er vor der Lampe über den Büchern saß. Da schalt sie wegen seines langen Wachens, bat ihn, seiner Gesundheit nicht zuviel zuzumuten und wich erst, bis sie ihn ganz sicher hinter dem Wandschirm in den Federn wußte.
Um ihr Mißtrauen zu zerstreuen, ging er die nächsten Tage früher zu Bett. Dann aber verschaffte er sich ein Zigarrenkistchen, befestigte darin auf dem unteren schmalen Brett eine Kerze, an dem oberen aber, um dessen Anbrennen zu verhindern, einen ausgedienten Topfdeckel und hatte so eine Art Diebslaterne, nach drei Seiten für das Licht abgeblendet. Wenn nun seine gewöhnliche Schlafstunde heranrückte, stellte er dieses Gerät knapp hinter das Buch in der Weise, daß kein Lichtstrahl durch die klaffenden Fugen der Tür in die Küche dringen und der Mutter sein Wachbleiben verraten konnte. Dann löschte er die Lampe, hielt sich still und las beim flackernden Schein der Kerze mit geschnürtem Atem weiter, bis draußen auf der Gasse die ersten Bauernfuhrwerke über das holprige Pflaster rumpelten und der erwachte Lärm dem nahen Morgen vorauslief. Dann suchte er endlich sein Lager und tat hinter bleischweren Lidern einen traumlosen Schlaf, aus dem ihn jedoch meist schon nach zwei, drei Stunden die nichtsahnende Mutter weckte mit der Meldung, daß das Frühstück fertig und es Zeit zur Schule sei.
Unterdessen hatte Warts Genesung rasche Fortschritte gemacht. Er durfte bereits kurze Spaziergänge unternehmen und tat dies mit Hellwig, dessen Seele ihm, nun das Eis einmal gebrochen, offensichtlich zuströmte. Ganz aber fanden sie sich erst an einem frostklaren Dezembertage, als sie nach einem schon längeren Marsch bei Milch und Butterbrot in einem Dorfwirtshaus saßen und von den alten Juden auf die Erlöser und auf den Gottesbegriff zu sprechen kamen.
Sie waren die einzigen Gäste in der niedrigen Stube. Hinter dem Kachelofen hockte zusammengeduckt eine weißhaarige Frau und summte ihrem Enkelkind ein eintönig uralt Wiegenlied zum Schlaf. Die große Stehuhr pochte wie das Herz der Stille, und Heinz Wart sprach: „Darwin ist ein Erlöser und ist auch keiner. Viele alte Götzen hat er zerschlagen, der Verstand mag damit zufrieden sein, aber nicht das Herz. Und mit der Lösung der Frage nach unserer Herkunft ist jene nach der Herkunft unseres Gottglaubens nicht aus der Welt geschafft. Für mich aber bedeutet Gott nichts anderes als das Ideal, nach dem sich jeweils die Menschen gesehnt haben. Den entrechteten Hindukasten von den Sudras bis zu den Tschandalas ist sicherlich die endliche selige Ruhe nach einem Leben der Knechtschaft als das Herrlichste erschienen — und Buddha hat ihnen das Nirwana gegeben. Bei den alten Deutschen hast du Freude am Kampf und Zechgelag und hast du kriegsgewaltige Schlachtengötter und reisige Jungfrauen, die die Helden nach Walhall zur Metbank bringen. Dem Schwärmer von Nazareth aber ist der Mensch selbst zum Ideal geworden. Darum ist sein Gott ein Menschengott, der alle unsere Tugenden und Fehler, Milde und Härte, Erbarmen und Grausamkeit, opferfreudigste Hingabe und starrste Ichsucht, zum höchsten Maß gesteigert, in sich vereinigt. Und weil dadurch Gott den Menschen so nahe gerückt wurde, haben sie sich ihm so bereitwillig zugewendet. Denn in ihm beten sie ihr Menschentum an, und sie lieben sich selber in ihrem Gott. Und die Reformationen sind nichts als Versuche gewesen, den lieben alten Menschengott umzumodeln, damit er zu den neuen Menschen mit ihren neuen Anschauungen wieder passe. Und wenn wir jetzt gegen den Druck verjährter Dogmen knirschen, so beweist das für mich nichts anderes, als daß unsere Zeit abermals reif geworden ist für eine neue Sehnsucht. Aber wir wissen noch nicht, wo sie wohnt und kennen den richtigen Weg nicht zu ihr, lassen uns leicht irreführen durch die Lockungen falscher Propheten. Nietzsche ist für mich ein solcher. Ich bewundere die rauhe Kühnheit und empöre mich über die wahnwitzige Überhebung, mit der er das Ich zum Gott machen will. Freilich, die Ausgestaltung wäre logisch. Vom Weiteren zum Engeren, vom Kreis zum Punkt. Nach dem Menschen als Gattung der Mensch als einzelner. Jeder einzelne sich selbst Gesetzgeber und Richter und Rächer des eigenen Gesetzes. Jeder sich selbst Gott. Oder Schöpfer seines Gottes: des Übermenschen. Aber ...“
Er atmete tief auf und schwieg. Von der untergehenden Sonne kam ein seltsam rötlicher Schein in die Stube, alle Gegenstände ertranken in einem ungewissen Zwielicht, und nur vor den winzigen Fenstern stand noch hell und durchsichtig die Luft wie ein unbewegtes, zartpurpurnes Meer.
Mühselig erhob sich die gebeugte Greisin von der Ofenbank und wollte die Lampe anzünden. Aber Fritz winkte ab: „Lassen Sie nur, wir bleiben ganz gern im Dunkeln.“
Dann war wieder Schweigen. Das Kind schlief in der Wiege. Eine graue Katze strich mit gehobenem Schweif und gekrümmtem Rücken unhörbar um ein Stuhlbein, immer rundum, rundum. Und das verhuzelte Weibchen beim Ofen ließ den Kopf tief und tiefer sinken und schlief allmählich ein.