Mit hämmerndem Herzen saß Fritz und starrte aufgeregt nach dem unscheinbaren Menschen neben sich, dessen Antlitz weiß aus dem Dämmer herausleuchtete. Was er da gehört hatte, war mehr als zusammengelesene Weisheit, waren selbständige Ideen, die seine Seele mitschwingen machten. Und er kam sich klein vor, fühlte seine Unfertigkeit und wie wenig er wußte. Und plötzlich kam ihm die blonde Frau wieder in den Sinn, die an jenem Regenabend mit rauschenden Gewändern neben ihm gegangen. Das drohte die Weihe der Stunde zu stören. Er legte die Hand auf den Schenkel des Freundes.

„Weiter, Heinz! Was ist’s mit dem Aber?“

Wart zuckte auf und schaute ihn mit leeren Augen an, als hätte er alle seine Gedanken auf weite Wanderung geschickt und müßte erst warten, bis sie sich wieder zurückfanden. Dann sagte er, den Kopf in die Hand gestützt und den Blick immerfort auf die Tischplatte vor sich gerichtet, sagte ganz leise, wie aus einem Traum heraus:

„Auf dem rechten Weg zur neuen Sehnsucht scheinen mir trotz allem doch die Jakobiner gewesen zu sein, und Maximilian Robespierre, der Tauben züchtete und Menschen mordete, hat es oft genug ausgesprochen: ‚Wir wollen die Wünsche der Natur erfüllen und die Bestimmung der Menschheit erreichen: den friedlichen Genuß der Freiheit und Gleichheit, ein Reich der ewigen Gerechtigkeit. Wo der Bürger der Obrigkeit und die Obrigkeit dem Volke dient und das Volk der Gerechtigkeit. Wo die Künste der Schmuck der Freiheit sind, der Handel die Quelle des öffentlichen Reichtums und nicht der ungeheuerlichen Wohlhabenheit einzelner Häuser. Schrecker der Unterdrücker wollen wir sein und Tröster der Unterdrückten und statt der Kleinlichkeit der Großen wollen wir die Menschengröße.‘ — Das geht zwar schnurstracks gegen den Kampf ums Dasein des Individuums, aber trotzdem glaube ich, daß darin unser Heil für die Zukunft liegt. An Stelle des Menschengottes möchte ich das Menschentum setzen und gegen die Forderung: ‚Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!‘ die Formel: ‚Hilf deinem Nächsten wie dir selbst!‘ ... Die Menschheit zur Freiheit führen, den Elenden und Gequälten ein freies, heiteres Dasein schaffen, ihnen ihr Recht auf Glück zurückerobern, das jeder schon hier auf Erden für sich fordern darf kraft seines Menschentums — es ist ein Ziel, wohl wert, sein Leben dafür aufzuwenden ...“

Er hatte sich in Begeisterung hineingesprochen, sprang auf und stand mit geröteten Wangen aufrecht da, ein heiliges Feuer in den Augen. Da war auch schon Fritz neben ihm, riß ihn an sich und sagte mit erstickter Stimme: „Heinz — Freund — Bruder ... unser Leben ... wir wenden’s dran ...“

Nun ward es ihnen zu eng in der Stube. Sie brachen auf und schritten Schulter an Schulter unter einem klaren Sternenhimmel heimwärts. Und während sie so gingen, mußte Fritz abermals an Frau Wart denken und empfand einen dumpfen Groll, daß sie ihren Wunsch erfüllt und ihn als Freund ihres Sohnes sehen sollte. Und gleichzeitig stemmte er sich gegen dessen frühe Reife und den Einfluß, den sie auf ihn zu gewinnen drohte. Seine Stimme klang beinah feindlich, als er jetzt sagte: „Woher nimmst du eigentlich das alles?“

Da seufzte der andere leise und erwiderte: „Mein Gott, man sitzt nicht umsonst mit einundzwanzig Jahren erst in der Septima!“

„Du bist schon so alt?“ fragte Fritz erstaunt. Denn Wart sah mit seinem bartlosen blassen Gesicht und der schmächtigen Gestalt kaum siebzehnjährig aus. Nun nickte er: „Jawohl — sogar bald zweiundzwanzig. Im Frühjahr muß ich schon das drittemal zur Stellung. Hoffentlich ist meine Brust noch immer für den Rock des Kaisers zu schmal. Sonst wär’s gefehlt, weil ich ja noch nicht das Einjährigenrecht hab’.“

„Ja, aber ...?“

„Wieso das kommt? Ganz einfach! Ich war kaum mit dem Untergymnasium fertig, da hat mich mein Alter ins Geschäft gesteckt. Aber ich hab’ mich dort nicht zurechtfinden können. Nach drei Jahren hat er das auch selbst eingesehen und mich wieder ins Gymnasium zurückgeschickt. Das verdank’ ich der Mutter, ich weiß das, aber bis jetzt hab’ ich ihr keine Ehre gemacht. Die Quinta und die Sexta hab’ ich wiederholen müssen, für Mathematik hab’ ich nun einmal kein Verständnis, ich bring’ das trockene Zeug nicht in den Schädel! Und dann die Bücher: Rousseau, Proudhon, Engels, Lasalle, Marx, Adam Smith — du kennst ja meine Sammlung.“