Er schwieg und Hellwig ebenfalls. Arm in Arm schritten sie auf der schneebedeckten Landstraße rüstig vorwärts, überließen sich ihren nachgenießenden Gedanken und gingen auf dem Marktplatz mit einem kurzen Händedruck stumm voneinander.

4.

Seit diesem Tage waren sie Freunde.

Sie blieben aber nicht lang zu zweit, denn Pichler wollte sich nicht kaltstellen lassen. Hellwig mußte ihn mit Wart bekannt machen, und auch dieser wurde dem kecken Leichtfuß bald geneigt.

Ihre Zusammenkünfte hielten sie jetzt bei Heinz ab, der nach der Genesung wieder sein Zimmer bezogen hatte.

Das lag ganz oben, unterm Dach des altertümlich und weitläufig gebauten Hauses, worin das Bürgergeschlecht Wart seit Jahrhunderten einen schwunghaften Kaufhandel betrieb. Der jetzige Inhaber war ein derber, knorriger Fünfziger von praktischem Verstand und tüchtigem Arbeitssinn. Von der Pike auf im Geschäft, war er jeder geistigen Tätigkeit abhold, sofern sie nicht auf einen realen und reellen Gewinn unmittelbar hinzielte. Den ganzen Tag dröhnte seine Stimme durch die hallenden Korridore, war seine untersetzte Gestalt überall zu sehen. Bald half er mit schweißtriefender Stirn im Hof beim Aufladen der Warenballen, bald teilte er im Kanzleiraum Befehle aus, durchlief die weiten Speicher oder fertigte die Ladenkunden ab, in unermüdlicher Regsamkeit für die ordentliche und glatte Abwicklung des verzweigten Betriebs.

Trotzdem fand er noch Zeit zur Verwaltung der verschiedenlichsten bürgerlichen Ehrenämter, war Stadtverordneter, Waisenvater und Ortsschulrat, Feuerwehrhauptmann und Schützenleutnant und stand bei allen Mitbürgern wegen seines gediegenen Charakters in Ansehen. Vornehmlich bei der Opposition, deren Leitung selbstverständlich in seiner Hand lag. Denn die Wart hatten alle von jeher ihren eigenen Kopf.

Darüber waren vom Wart Nikl — unter diesem Namen war er, der Nikolaus hieß, in der ganzen Gegend bekannt — allerhand Geschichten im Schwang.

Als die klerikale Vereinigung, die in Neuberg dank der werbenden Kraft des Paters Romanus gegründet worden war, ihren ersten Unterhaltungsabend veranstaltete, da war Nikolaus Wart an der Spitze von zwanzig handfesten Gesinnungsgenossen lärmend in den Saal gedrungen, wo eben eine Festvorstellung im Gange war und das Konterfei eines bekannten schwarzen Häuptlings mit Lorbeer und Lilien bekränzt hinter Glas und Rahmen an der Wand hing. Einen Tisch erkletternd, nahm der Nikl seelenruhig das Bildnis vom Nagel und lehnte es in eine Ecke. Aber als alle Gäste, darob entrüstet, auf ihn eindrangen, da hob er es wieder, schwang es mit beiden Fäusten, und breitspurig mit gespreizten Beinen auf dem Tisch aufgepflanzt, schrie er mit voller Lungenkraft: „Ruh’ geben! Zurück! Sonst hau’ ich auf eure Schafsköpf’ den größten drauf!“

Dann schleuderte er das Bild zu Boden, daß die Scherben splitternd umherflogen, sprang hinterdrein und tat mit seinen Kumpanen so gründliche Arbeit, daß die Vereinigung katholischer Männer kläglich abziehen mußte. Worauf Wart Nikl schmunzelnd den rötlichen Vollbart strich und eine Sitzung der Freisinnigen eröffnete, die bis zum grauenden Morgen dauerte. —