Und früher — in Zeiten schwerer nationaler Bedrängnis — als die Stadt Neuberg eine Kundgebung gegen die slawischen Vorstöße veranstaltete und als von einer kurzsichtigen Regierung zur Verhütung von Ausschreitungen ein slawisches Reiterregiment in die Stadt beordert wurde, das denn auch alsbald mit flachen Säbelhieben in die leidenschaftlich aufgewühlte Volksmenge einbrach, da hatte sich Wart Nikl den hitzigen Blauröcken entgegengestellt, hatte Rock, Weste, Hemd vorn auseinander gezerrt, und den Soldaten die nackte Brust darbietend, hatte er gebrüllt: „Da! da! Stecht her, wenn ihr dürft! Totschlagen könnt ihr uns, unterkriegen niemals nicht!“
Daraufhin hatte man sich die Sache noch einmal überlegt und gegen die ehrenwörtliche Versicherung des Bürgermeisters, daß die Leute freiwillig und friedlich auseinandergehen würden, die Truppen abrücken lassen. Und als hernach die Verwundeten vorüber getragen wurden, da waren dem Wart Nikl die Tränen aus den Augen gesprungen und mit einem schmerzvollen Blick zum Standbild Kaiser Josefs II. hatte er gerufen: „Schau’ her, trauter Kaiser Seff, schau’ nur her, wie’s deinen Deutschen heutigentags geht!“ —
Dieser Begebenheit verdankte er übrigens das beste Glück seines Lebens. Denn wie jedes Ausharren in einer gemeinsamen Not wildfremde Menschen urplötzlich vertraut macht, hatte sich neben den stiernackigen Kaufmann, der dem Übermut der slawischen Reiter mit seiner mächtigen Stimme Einhalt tat, ein schlankes Mädchen mit wehendem Blondhaar mutvoll aufgepflanzt und laut gerufen: „Recht so! Recht!“, wobei es den Soldaten herausfordernd die funkelnden Augen entgegenhielt.
An diesen Blick mußte der Junggesell fortwährend denken und kam nach einigen Tagen rätselhafter Unrast endlich zu dem Entschluß: „Die wird’s oder keine!“
Sie hieß Hedwig und war die Tochter des Stadtarztes Doktor Kreuzinger, der aus übergroßer Liebe zur Heimat die gewählte Hochschullaufbahn und damit auch die sichere Anwartschaft auf eine Universitätsprofessur aufgegeben hatte, um in seiner Vaterstadt ständig leben zu können. Er war ein ebenso ausgezeichneter praktischer Arzt wie scharfsichtiger Forscher, und seine Abhandlungen in den Fachblättern fanden wegen ihrer gehaltvollen Sachlichkeit Anklang und Beachtung. Wie denn auch bei den Kongressen, zu denen er sich regelmäßig einzufinden pflegte, manche ‚Berühmtheit‘ mit Worten schmeichelhaften Lobes des unscheinbaren Kollegen aus der Provinz Erwähnung tat, worüber der dann stets errötete und in eine hilflose Befangenheit hineingeriet, bis ein neuer Redner seine Aufmerksamkeit fesselte. Dann begannen die schlanken Finger in dem grauen Vollbart zu wühlen, die gescheiten Augen wurden wieder lebendig, und eine Falte auf der Stirn verriet die starke Gedankenarbeit, womit der bescheidene Landarzt dem Vortrag folgte.
Auf die Werbung des Kaufmanns erwiderte er einfach: „Wenn sie will, ich rede ihr da nichts hinein.“ Und der urwüchsige Gesell verlor vielleicht zum erstenmal im Leben seine Sicherheit, wurde verlegen wie ein Schuljunge und mühte sich mit seiner ungelenken Zunge schöne Satzgebilde zu formen, als er dem schlank aufgewachsenen Mädchen gegenüberstand, das ihn stirnbreit überragte, trotzdem es erst siebzehn Jahre alt war. Aber sie sagte ja. Die aufrichtige Geradheit des Mannes, seine ehrliche Lebensführung, die wie ein offenes Buch im vollen Licht vor aller Augen dalag, hatten’s ihr angetan. Und sie hatte nie Ursache, ihre Wahl zu bedauern. Auch dann nicht, als Wart Nikl erkannte, daß sie in jener bewegten Stunde nicht Begeisterung an seine Seite getrieben hatte, sondern lediglich die heilige Entrüstung, die jeden Guten packt, wenn irgendwo Gewalt vor Recht gehen soll.
Jeder ehrte die wackere Art des andern und forderte nichts Unmögliches von ihr. Weder Hedwig, daß Nikl ihr zuliebe plötzlich ein Schöngeist werde, noch er, daß seine schöne Frau Rosinen abwiege, kiloweise Mehl verkaufe oder die Buchführung lerne. Er überließ ihr auch die Erziehung der Kinder, da er wußte, daß sie ihm hierin überlegen war. Und seit sein Versuch, auf die Berufswahl des Sohnes kraft seiner väterlichen Gewalt bestimmend einzuwirken, kläglich gescheitert war, übersah er, der Bücherfeind, es sogar stillschweigend, wenn Frau Hedwig ihrem Jungen Geld zur Beschaffung von Zeitschriften oder Büchern einhändigte.
Die erworbenen Schätze stapelte Heinz mit unverdrossenem Sammeleifer in seiner Dachstube auf, die dadurch ein recht gelehrtes und von den übrigen Räumen des Hauses grundverschiedenes Gepräge bekam. Allerhand Druckwerke stauten sich hier auf Schrank und Tisch und füllten längs der Wände hohe Regale, wogegen in den anderen Zimmern nur Preislisten, Warenproben und Geschäftsbriefe herumlagen. Denn Vater Wart las außer einer Tageszeitung und der deutschen ‚Grenzwacht für Neuberg und Umgebung‘ überhaupt nur, was mit der Führung seines Geschäftes und seiner bürgerlichen Ehrenämter unmittelbar zusammenhing.
Um so heißhungriger fiel Hellwig über die Bücherei des Freundes her. Der Kaufmann war ihm deswegen nicht besonders grün und äußerte zu seiner Frau, der lange Blonde mit den Storchbeinen sei gerade so ein Mucker wie sein Herr Sohn. Dagegen nannte er Pichler bald einen netten und vernünftigen jungen Mann, weil dieser rasch die schwachen Seiten des einflußreichen Bürgers aufgespürt hatte, mit ihm über das Geschäft sprach, für Warenmuster Interesse zeigte und sich in den Marktpreisen auskannte, kurz zu haben schien, was Nikl an seinem Heinz so ungern vermißte: das Zeug zu einem guten Kaufmann.
Frau Hedwig erwiderte auf diese Lobsprüche nichts. Ihr gefiel Pichler nicht. Doch sie war zufrieden, Heinz und Fritz beisammen zu wissen und störte ihren Verkehr nicht, trachtete im Gegenteil, daß Hellwig sie nicht zu Gesicht bekam, weil sie das Gefühl nicht los wurde, daß ihm ein Zusammentreffen mit ihr Unbehagen schaffe. Dem war in der Tat so. Sie hatte auf den jungen Menschen gleich bei der ersten Begegnung tiefen Eindruck gemacht, und so sehr er sich dagegen wehrte, er mußte die schöne Frau lieben. Mußte sie lieben, weil sie im Vollsinn des Wortes eine Mutter war — und haßte sie auch vom selben Augenblick an. Mußte sie hassen in seiner jugendlichen Parteilichkeit, weil sie nicht seine Mutter war. Weil sie ihn zwang, Vergleiche zwischen ihr und der eigenen Mutter anzustellen und weil diese Vergleiche immer gegen letztere ausfielen. Sein kindliches Gemüt kämpfte dagegen an, wollte sich das reine Bild derjenigen nicht trüben lassen, die ihn in ihrem Schoße getragen. Aber der kalte Verstand trieb ihn stets aufs neue das Für und Wider abzuwägen — und immer neigte sich das Zünglein zugunsten der blonden Frau.