Das ging so weit, daß ihm sogar die Schamröte ins Gesicht stieg, als er eines Tages Heinz und Otto in seine Behausung führte und die Mutter nach einer kleinen Weile mit ihrer unvermeidlichen Kaffeekanne anrückte. Ein schwächliches, verblühtes Frauchen, sanft, gutherzig und rührselig, kam sie hereingetrippelt, bat um Entschuldigung, daß sie nichts Besseres vorzusetzen habe, und auf Pichlers Frage, ob die Hühner des Nachbarn ihr noch immer auf dem Bleichplatz im Gärtchen die Wäsche beschmutzten, erhob sie sofort ein großes Jammern über diese Rücksichtslosigkeit, mit reichlichem Wortschwall und Mitleid heischender Miene.
Fritz saß da und schämte sich vor Heinz. ‚Dort Bücher und verstehendes Fernbleiben — hier Kaffee und Geschwätz!‘ dachte er bitter. Denn er war noch nicht reif genug für die Erkenntnis, daß hier wie dort ein gleich schönes menschliches Empfinden nur seinen verschiedenen Ausdruck fand.
„Hör’ doch schon auf mit dem Quatsch, Mutter!“ sagte er unwillig.
Da verstummte sie erschrocken und stahl sich mit einem unterdrückten Seufzer aus der Stube.
Kaum gesprochen, war ihm das Wort schon leid. Aber als jetzt Heinz seine ernsten Augen auf ihn richtete: „Du hast sie gekränkt!“, da fuhr er auf: „Ach was, wenn sie auch fort so herumgreint!“ Und dann heftig zu Otto: „Warum fragst du auch immer so? Meine Mutter ist mir zu gut für deine blöden Witze!“
Der Angefahrene widersprach gekränkt und beteuerte seine guten Absichten. Aber Fritz ließ ihm nichts gelten. Schimpfend rannte er im Zimmer herum, und es waren nicht gerade Schmeichelworte, die er Pichlern an den Kopf warf. Je länger er so wetterte, desto mehr fühlte er, wie grundlos eigentlich seine Vorwürfe waren. Er hörte aber trotzdem nicht auf. Er mußte sich Luft machen, empfand eine wohltuende Befreiung dabei.
Unterdessen war Heinz behutsam in die Küche geschlichen, wo Frau Hellwig, die Hände im Schoß gefaltet, beim Fenster saß und aus tränenvollen Augen bekümmert in den Hof blickte. Als sie ihn gewahrte, erhob sie sich schnell: „Sie wünschen wohl Trinkwasser? Gleich sollen Sie’s haben!“
Bei diesen Worten hatte sie sich schon gebückt und machte sich mit der Wasserkanne zu schaffen, damit er ihr verweintes Gesicht nicht bemerken sollte.
„Lassen Sie’s nur, Frau Hellwig!“ sagte Heinz darauf. „Ich hab’ keinen Durst. Es ist nur — Fritz hat das nicht bös gemeint ...“
Nun richtete sie sich lebhaft in die Höhe: „Hat er Sie geschickt?“