Oft auch gesellte sich Pfannschmidt zu ihnen, der in dem neuen Gemeinwesen eine Art Hausverwalter war und außerdem die Bücherei betreute. Keine Spur von Gedrücktheit oder Trauer war mehr in ihm, wohl sprach er wenig und lachte nicht oft, aber seine ernsten Augen schauten warm und froh, und der Widerstreit zwischen Neigung und Beruf war nicht mehr in ihrem Blick. Die Bücherei war seine Welt, dort war er am sichersten anzutreffen. Entweder las er oder ordnete er die Bücher, versah sie mit Schildern und Nummern, verteilte sie übersichtlich und legte mehrere Verzeichnisse an. Abends aber kämmte er mit Salböl den spröden Scheitel noch einmal glatt und ging, dem Meister zuzuhören. Er war einer der aufmerksamsten Zuhörer, aber auch der eifrigste Frager, und wenn er sich einmal in etwas hineinverbissen hatte, ließ er sich nicht so leicht davon abbringen. Jedes Für und Wider erwog er, Beweise und Gegenbeweise ließ er bedächtig aufmarschieren, und Fritz hatte mit diesem zähen Gegner oft seine liebe Not. Regelrechte Debatten und Diskussionen hatten sie miteinander und das war für sie wie ein Bad im kühlen Fluß.

So schien sich mit der Zeit eine gedeihliche Ordnung einstellen zu wollen und Hellwig dachte abermals daran, Weib und Kind zu sich zu holen. Aber als er an einem schönen stillen Sommerabend wieder einmal auf dem Podium saß und gerade über Oliver Cromwell sprach, da wurden von dem Fahrweg, der außerhalb des Parks den Zaun entlang führte, ein paar Steine unter die Versammelten geworfen. Der eine streifte Hellwigs Kopf, der zweite traf ihn an der Schulter, die übrigen verfehlten ihr Ziel. Schnell war Pfannschmidt beim Gittertor, riß es auf, stürmte hinaus. Andere folgten. Aber draußen war niemand zu sehen. Still lagen die Wiesen und Felder da, die Ähren nickten und rauschten leis auf schwanken Halmen, die Blätter der Büsche regten sich sacht im Abendwind, und sacht breitete die Dämmerung ihre seidenfeinen Flöre darüber aus. Mannshoch standen die Feldfrüchte, dicht belaubt wucherte überall in den Wiesen das Staudenzeug, und was sich dort irgendwo versteckt hielt, war gut geborgen und in der Dämmerung nicht leicht aufzuspüren.

Hellwig hatte eine Beule am Schläfenbein und eine Prellwunde am Oberarm, leichte Verletzungen, die nichts zu bedeuten hatten. Aber eine Warnung waren sie und ein Zeichen, wie tief die Hetzereien Wurzeln gefaßt.

Und wenn es hiefür noch eines Beweises bedurfte, so brachte ihn die folgende Nacht. Da brannte ein Magazin nieder, und die Fabriksfeuerwehr mußte harte Arbeit tun, um den Brand einzudämmen. Er war gelegt worden, von wem, war offenes Geheimnis, aber Beweise fehlten. Die Folge war, daß Reinholt die Nachtwache verschärfte und zwei Dampfspritzen anschaffte. Und Fritz sah seine Vereinigung mit Eva abermals um Monate hinausgerückt.

3.

Danach aber hatte sich ganz plötzlich der Sturm gelegt. Die Unbesonnenheit der Steinwerfer und Brandstifter hatte die Gegner zur Vorsicht gemahnt. Was nützte es auch, die Außenstehenden aufzuwiegeln, wenn die Hellwigianer geschlossen gingen und der Aufschwung der Fabrik alle Hetzer Lügen strafte.

Wochen vergingen, alles blieb ruhig.

„Wir sind durch!“ sagte Fritz, der vertrauensselige, arglose Mensch, und glaubte felsenfest daran, weil er an sein Werk glaubte und an die Lauterkeit der Menschen. Und er freute sich des Erfolges und freute sich auf die Seinen. Jetzt wollte er sie wirklich holen. Mehr denn zwei Jahre — waren es denn wirklich schon zwei Jahre? — hatte er sie nicht gesehen. Da war ihm die Zeit fortgeronnen, wie Sand zwischen den Fingern durchgeglitten, Tag um Tag; Monat um Monat. Er hatte nicht darauf geachtet und sie nicht gezählt. In all dem rastlosen Bemühen, dem Tumult von Sorgen und Anstrengungen, dem raschen Wechsel zwischen Erfolg und Mißlingen, zwischen heller Zuversicht und herber Enttäuschung.

Waren es denn wirklich schon zwei Jahre? Aber da lagen die Briefe Evas vor ihm, alle, wie er sie erhalten, gelesen, beantwortet und dann in das Schubfach getan hatte, wo sie, nicht mehr beachtet, verstaubten. Regelmäßig alle vierzehn Tage schrieb sie ihm. Und jetzt lagen sie da, kunterbunt durcheinander, gut fünfzig Briefe. Und in jedem erzählte sie von dem Buben, alle Einzelheiten und Kleinigkeiten berichtete sie. Im Drang und Schwall der Arbeit hatte er ihren Mitteilungen nicht weiter nachgesonnen. Und sie machten doch die ganze Entwicklung des jungen Menschleins aus, das dort fern von ihm und vaterlos heranwuchs. ‚Hansl lacht mich schon an — Hansl sitzt schon — Hansl bekommt Zähne — Hansl hat sich ganz allein am Tischbein aufgemannelt — Hansl hat das erste Wort gesprochen — Hansl läuft, Hansl redet schon. Er ist blond wie du — er hat deine Augen — aber das Kinn hat er von mir.‘

Er erschrak fast und entsetzte sich, daß er so achtlos darüber zur Tagesordnung hatte übergehen können. Fünfzig Briefe. Und in allen war zwischen den eng geschriebenen Zeilen die unausgesprochene Bitte: ‚Komm bald und bleib bei uns!‘ Und in keinem stand: ‚Hol’ uns zu dir!‘ Denn die Mutter bangte um ihr Kind, und Fritz hatte ihr die Lage immer eher in düsteren Farben geschildert, alle Ereignisse trocken verzeichnet und nichts beschönigt. Und nur einmal schrieb sie: ‚Wenn ich doch bei dir sein könnte!‘ Das war damals, als ihm die Steine den Leib verwundet hatten.