Adam verkehrte überhaupt viel mit dem alten Bogner und ging auch regelmäßig zu den Abendvorlesungen. Er tat das aus Neigung. Aber es war nicht so sehr die Neigung zur Wissenschaft, als vielmehr die Neigung zur Anna Bogner. Die Anna war ernster geworden, der Frohsinn, das Lachen und aller Übermut ihrer Jugend klang in der Erinnerung an die erste Enttäuschung nur mehr wie auf einer abgedämpften Geigenseite.

Adam aber begehrte sie zum Weib. Da hatte sie ihm ganz aufrichtig gesagt, wie es um sie stand und daß sie einst mit seinem Bruder Otto ein Verhältnis gehabt. Der blonde Mensch mit den stillen Augen und den groben Händen hatte schweigend zugehört und darnach ein paar Tage nicht mit ihr geredet, bis er alles in sich verarbeitet hatte. Dann aber war er zu ihr gegangen, die in heimlicher Pein verstohlen aus der Ferne nach ihm sah. Denn sie hatte ihn lieb gewonnen.

„Anna,“ hatte er gesagt, „es ist schon in Ordnung mit uns.“

Da war sie zusammengefahren, hatte ihm ungläubig ins Gesicht gestarrt und nur gefragt: „Trotzdem?“

„Trotzdem, Anna, weil — es muß doch ausgeglichen werden ...“

Er hatte den Arm um sie legen wollen. Doch sie war hastig einen Schritt zurückgetreten.

„Wenn’s nur deswegen sein soll ... bleibt’s schon besser so, wie’s ist, Adam. Ich müßt’ mich ja schämen.“

„Nein, Anna, das mußt du schon nicht. Tät ich’s denn, wenn ich dich — nicht auch gern hätt’, Anna?“

Er war wieder ganz nahe bei ihr und streichelte mit den harten Fingern unbeholfen ihren Ärmel. Und dann hatte er sie im Arm. Und sie sträubte sich nicht mehr.

Und seither sah man sie fast immer miteinander gehen, den alten Kesselwärter, dem die paar Haare nur noch wie ein silbriges Schimmerchen auf dem kahlen Schädel glänzten, ein wenig gebeugt und ein wenig zittrig, zwischen den beiden jungen aufrechten Menschen, die fest und ruhig einherschritten mit der stillen Zuversicht, die ein sicheres Glück verleiht.