Fritz aber war für sie bald das treibende Rad des Ganzen. Zu ihm kamen sie mit ihren Anliegen und Wünschen, und wenn sie untereinander Streit hatten, fügten sie sich seinem Schiedsspruch. Und da er mit ganzem Herzen bei der Sache war, gewann er auch ihre Herzen. Das wußte er nicht, aber es war so. Manche bewunderten, die meisten liebten und nur ganz wenige fürchteten ihn. Alle aber standen unter dem zwingenden Bann seiner prachtvollen Aufrichtigkeit, fühlten heraus, daß er bedingungslos auf ihrer Seite stand. Niemanden ließ er gleichgültig. Zu seiner vollwertigen Persönlichkeit mußte jeder Stellung nehmen, und die Mehrzahl gab sich vollständig in seine Leitung. Ihn nannten sie ‚Meister‘, wie er selbst es ihnen vorgeschlagen hatte, während Reinholt nach wie vor der ‚Herr‘ blieb. Doch waren sie auch ihm zugetan und rühmten ihm strenge, aber unparteiische Gerechtigkeit nach.
Bevor das alles auch nur halbwegs ins Gleis kam, waren viele Monate vergangen. Welche Unsumme von Plage und Mühsal und Sorge für Hellwig damit verknüpft gewesen, wußte außer Eva vielleicht niemand so recht. Anfangs kannte er freilich weder Müdigkeit noch Abspannung, war ihm die Arbeit nur wie ein Fest. Aber Monat um Monat verrann, und die Schwierigkeiten wollten nicht aufhören. Immer wieder fand sich etwas, das geordnet, unschädlich gemacht, ausgetilgt werden mußte. Bald waren es geheime Machenschaften, bald offene Widersetzlichkeit, Zwist und Streit. Kaum ein Tag verging, an dem Hellwig nicht einen Schiedsspruch zu fällen, als Friedensstifter zu walten hatte. Sooft er dachte, jetzt und jetzt werde er Eva holen können, immer kam etwas verquer. Anfangs waren es die Zustände im jungen Unternehmen selbst, die seine Wachsamkeit forderten. Dann aber setzten die Feindseligkeiten der Gegner ein. Der Verlust von nahezu tausend Genossen traf die Partei hart. Und daß es gerade Fritz Hellwig war, der ihnen diesen Verlust zugefügt, war nur ein Grund mehr zur erbittertsten Fehde. Da wurde geschürt, gehetzt, auf jede Weise versucht, die Leute unzufrieden zu machen und aufzureizen. Ohne Erfolg. Wer sich nicht fügen wollte, konnte anderswo sein Brot suchen. Eisern hielt Fritz die Ordnung aufrecht. So gütig und umgänglich er sonst war: wenn eine Satzung übertreten wurde, kannte er keine Nachsicht. Das hatten sie bald heraus und liebten auch diese Strenge. Er gab ihnen viel und hätte auch viel fordern können. Um so begreiflicher fanden sie es, daß er das wenige, das er wirklich forderte, auch durchsetzte.
Da traten die Gegner aus ihrer Zurückhaltung, riefen offen zum Kampf gegen den Augenauswischer, den Volksbetrüger, Verräter und Zwietrachtsäer, der sich in Menschlichkeit wie ein Frosch blähe und lediglich den eigenen Bauch mit dem blutigen Schweiß der Armen fülle. So stand es in ihren Zeitungen, und das waren noch die besten Vergleiche. Ein besonders Eifriger aber behauptete, daß Hellwig wie eine Trichine im gesunden Fleisch der Partei sitze und es infiziere, während er sich fett mäste. Leibinger leitete den Feldzug. In ihm war die erlittene Kränkung noch lebendig und heiß wie am ersten Tag, und sein Ehrgeiz knüpfte an einen Sieg über den mächtigen Feind die schönsten Erwartungen. Unter Hochdruck arbeitete er. In allen Zeitungen, in ungezählten Versammlungen predigte er den Kampf gegen den einstigen Genossen und seinen Anhang. Renegaten und Schufte ohne jeden Gemeinsinn wurden sie genannt, niedrige Bedientenseelen, die vor dem Geldsack auf dem Bauch lägen und sich an Bettelsuppen gütlich täten, armselige Heloten, die jedes Gefühl für Freiheit und Manneswürde verloren hätten.
Und die Arbeiter der benachbarten Betriebe, scheelsüchtig gemacht, neideten Reinholts Leuten das bessere Los. Sie spuckten aus, wenn sie einen trafen und riefen ihm wohl auch „Kommuner Hellwigianer!“ zu, was ein Witz sein sollte und eine verächtliche Anspielung auf die kommunistischen Einrichtungen.
Die kommunen Hellwigianer aber ließen sich darob die Haare nicht grau werden. Mancher Heißsporn verbat sich vielleicht die Beleidigungen und kam mit blutigem Schädel heim, die meisten aber lachten oder zuckten die Achseln, wenn sie beschimpft wurden, und das trieb die Gegner in eine immer heftigere Erbitterung. Aber auch die Fabriksbesitzer nahmen mit der Zeit gegen das aufblühende neuartige Unternehmen Stellung, weil sie sich dem scharfen Wettbewerb nicht gewachsen fühlten. Denn da alle Arbeiter am Gewinn beteiligt waren, bemühten sie sich zu eigenem Vorteil, nur gute Ware herzustellen, so daß die Reinholtsche Marke bald gesucht war und die Nachfrage stärker als das Angebot. Und da auch das Bauernvolk in seiner alten Abneigung verharrte, stand Hellwig mit den Seinen ganz vereinsamt und auf sich selbst angewiesen mitten unter Widersachern, Neidern und Feinden. Da setzte er erst recht seinen Neuberger Schädel auf: Durch müssen wir! Und wenn sich alle auf den Kopf stellen!
Der Glaube an sein Werk verzehnfachte seine Kräfte. Und seine warme Begeisterung griff auf alle über. Gemeinsame Not schweißte sie ganz fest zusammen. Die Zwistigkeiten im eigenen Lager hörten auf, immer seltener wurde er als Schiedsrichter angerufen. Der Trotz und das Gefühl, daß ihnen unrecht getan werde, spornte alle zu erhöhter Leistung. Draußen schrien sie, hetzten und wühlten. Reinholts Fabrik aber stand da, geschäftigen Lebens voll, die Räder surrten, die Webstühle klapperten, die Schiffchen flogen fröhlich. Zu einträchtigem Tun regten sich die emsigen Hände, und auf allen Gesichtern sonnte sich das Behagen am Gedeihen des Unternehmens, das allen ans Herz wuchs, weil es allen gehörte.
2.
Und im Fabrikspark, auf den Spielplätzen, unter der Hut der alten Bäume, drängte sich tagsüber das junge Volk der Kinder, saßen nach getaner Arbeit zufriedene Menschen, schwatzten, sangen oder hörten dem Meister Hellwig zu, der an schönen Abenden im Garten von einem Podium herab über alle möglichen interessanten und wissenswerten Dinge zu sprechen oder aus guten Büchern vorzulesen pflegte. Ganz zwanglos, wie eine gelegentliche Zusammenkunft gleichgesinnter Freunde war das, und viel guten Samen streute er in empfängliche Seelen.
Anfänglich war die Zahl der Teilnehmer nur gering, weil viele, an das neue Leben noch nicht gewöhnt, lieber in den Billardsälen oder beim Kartenspiel ihre Erholung suchten. Mit der Zeit aber stellten sich immer mehr ein, hörten zu und beteiligten sich mit Fragen und Einwänden an den Debatten, fanden Gefallen daran und zogen dieses Turnier bald jeder andern Unterhaltung vor.
Einer, der niemals fehlte, war der alte Kesselwärter Bogner, der seinem Meister Hellwig treu ergeben war und immer wieder versicherte, daß er ein so schönes Leben auf seine alten Tage nicht einmal im Traum erhofft hätte. Er überwachte seine Kessel und formte feine Blütenzweige, die er schön bemalt in seiner Stube aufstapelte oder Personen, denen er wohlwollte, als Angebinde verehrte. Für Hellwig aber tat er etwas ganz Besonderes: Er modellierte und goß aus Bronze die Büste des Meisters. Zwar geriet die Nase ein bißchen schief, und die Wangen hatten Blatternarben, aber am Sockel stand in großen Buchstaben ‚Friedrich Hellwig‘, und so wußte jeder, wen das Werk darstellte. Und die Mängel, die waren nach den Versicherungen des Schöpfers nur durch den elenden Gips und durch das schlechte Gußmetall verschuldet. Jetzt stand das Bildwerk im Lesesaal, und bei der Aufstellung hatte es einen grünen Reisigkranz getragen, mit einer roten Schleife, und Reinholt hatte eine Rede gehalten, die war sehr erbaulich und dem Kesselwärter wurde ganz rührselig. Aber er lachte doch und strahlte im faltigen Gesicht, denn Adam Pichler, ein jüngerer Bruder Ottos, stand neben ihm und sagte ihm ins Ohr, daß so eine Büste eigentlich in eine Ausstellung gehörte und sicher einen Preis bekommen würde.