„Das hat noch gute Wege!“ erwiderte er unwirsch.

Sie tat erstaunt: „Gute Wege? Ich hab’ gedacht, sie brauchen dich schon sehr notwendig.“ Er trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte und gab keine Antwort. Da trat sie ganz nah zu ihm und sagte ganz leise, mit großer Überwindung: „Fritz — es ist vielleicht doch besser, weißt du ... damit ... unser Heinz — er hat Ähnliches gewollt, Fritz ...“

Mit einem Satz stand er auf den Füßen, hatte die Hand im Ausschnitt der Weste verkrampft und atmete heftig. Aber kein Wort kam über seine Lippen. Ihre Bewegung niederkämpfend, fuhr sie tapfer fort: „Du hast ihm ja auch dein Buch zugeeignet — und was da jetzt ins Leben treten soll — es wäre die Vollendung dazu ...“

Noch immer gab er keine Antwort. Und noch, als sie sich langsam wandte und aus dem Zimmer ging, stand er wie ein steinernes Bild und hielt sie nicht zurück. Aber ihre Worte wirkten nach. Ein ehrendes Totenmal hatte er dem Freund errichten wollen, dem flammend in den Tod gegangenen Freund ... Und da, nach Tagen und Nächten schweren Ringens fiel es mit einemmal auf ihn: Wenn — alles so bleibt und das Suchen nicht aufhört — und dein Junge später einmal — er ist ja eines Blutes mit dem Toten und mit dir — es könnte mit ihm gerade so werden später einmal. Darum — tu’s! pack’ zu! versuch’, ob du’s zwingen kannst! — Wirb um die heutigen Herren und erobere sie durch eine unwiderlegliche große Tat! — Damit dein Bub nachher ruhig weiter bauen kann — und vorwärts kommen kann zu den Quellen des Menschentums, ohne im vorgelagerten Sumpf stecken zu bleiben — und darin zu ersticken, wie Heinz — und beinahe du selbst ...

Und er entschied sich für Reinholt. Und je länger er bisher gezaudert hatte, je hastiger betrieb er jetzt die Reise. Eva sollte unterdessen nach Neuberg, bis er sie in einiger Zeit werde zu sich holen können. Aber sie wollte nicht nach Neuberg. Sie fürchtete sich vor den Leuten. „Er hat sie sitzen lassen, na ja, das hat ein Blinder voraussehen können!“ So würden sie reden und sich anstoßen und ihr nachschauen und sich teilnehmend und mitleidig und hämisch nach dem Vater des Kindes erkundigen. Und auch ihr Vater würde nicht anders denken. „Es hat so kommen müssen, Mutter. Er und Heinz, die zwei haben ja nie ein Herz für ihre Familie gehabt!“ Deutlich glaubte sie zu hören, wie er das sagte. Und ganz im letzten Winkel ihres Herzens regte sich etwas wie eine vage, dumpfe Ahnung, daß Fritz einst wiederkehren würde — und nicht als Sieger. Und daß er dann sein Heim so wieder finden müßte, wie er es verlassen. Weit schob sie den Gedanken von sich, aber er ließ sich nicht bannen und so sehr sie sich mühte, an Hellwigs Erfolg zu glauben, ganz leise und ganz heimlich zweifelte sie doch daran. Deswegen war sie taub für das Zureden der Mutter und hörte nicht auf Fritz. Sie wolle vorläufig alles unverändert beim alten lassen, bis er einen Überblick haben und ihr wenigstens annähernd werde sagen können, wie lang die Trennung notwendig sei. Dann wolle sie sich’s erst zurechtlegen. Dabei blieb es. Und als Fritz abgereist war und bald darauf auch Frau Hedwig nach Neuberg zurück mußte, da hatte Eva in der großen Stadt keinen Einzigen, an den sie sich wenden konnte, als den Doktor Albert Kolben.


[Fünftes Buch]

1.

In einer weiten Ebene, zwischen Buchenbeständen und buschigem Wiesenland, lag das große Unternehmen Leo Reinholts. Die Eisenbahn führte vorüber, ein paar Dörfer waren in der Nähe, die sich mit verstreut in großen Zwischenräumen stehenden Häusern stundenweit hinzogen. Und dazwischen waren längs der Bahn noch ein paar kleinere Fabriken, Gründungen findiger Konkurrenten, die aber nicht recht emporkommen wollten und zum Gedeihen zu schwach, zum Eingehen zu jung, in kümmerlicher Unzulänglichkeit sich fortfretteten. Die Einheimischen aber, zumeist Ruthenen und schlaue Polen, haßten die Schornsteine und die roten Ziegeldächer der Fabriken. Denn die hatten ihnen die beschauliche Ruhe gestört, die mit schlechtestem Branntwein zufriedene Bedürfnislosigkeit abgewöhnt und die Löhne verteuert durch einen Schwarm fremdsprachiger Arbeiter, die noch obendrein wegen ihrer Wissenschaft des Lesens und Schreibens und wegen ihrer größeren Weltkenntnis auf das Bauernvolk herabschauten, sich besser dünkten und die Herren spielen wollten. So waren die Klassenunterschiede schärfer als sonstwo ausgeprägt und drängten die Arbeiter der einzelnen Betriebe stärker als sonstwo zum Zusammenschluß. Ein ganz leidliches Einvernehmen hatte bisher unter ihnen geherrscht, und fast ohne Ausnahme waren sie Sozialdemokraten. Da kam nun plötzlich Reinholt und forderte von seinen Leuten, daß sie es nicht mehr seien. Und wer sich nicht darein schicken wollte, bekam seinen Abschied. Er hielt strenge Musterung, mußte sie auch halten, denn für sein Experiment — nichts anderes war es — brauchte er ganz zuverlässige Leute.

So entstand eine Spaltung. Da kam Hellwig und richtete das neue Unternehmen ein. Wie der Haushalt einer einzigen Familie wurde das. Eine große Küche war da, mit Dampfheizung und papinischen Kesseln, dort wurde für alle auf einmal gekocht. Reine und luftige Speisehallen gab es, eine Bücherei mit weiten Leseräumen, einige Spielzimmer, auch ein Theater und einen Tanzsaal. Ein Krankenhaus, eine Schule und ein Altersheim wurden gebaut, im Park waren Tummelplätze für die Kinder und Erholungsstätten für die Erwachsenen, Bäder und Turnsäle fehlten nicht. Die Frauen sollten beim Kochen helfen, die Wäsche besorgen, im Gemüse- und Obstgarten arbeiten oder die Kinder beaufsichtigen, wie sie es lieber wollten, und wenn es ihnen gefiel, konnten sie jede Woche in diesen Beschäftigungen wechseln. Die Lohnzahlung wurde abgeschafft. Jeder war am Gewinn beteiligt. Nach einem einfachen Schlüssel unter Berücksichtigung der Arbeitsleistung und der Kopfzahl einer Familie wurden die Anteile ermittelt, die jeder zu dem gemeinschaftlichen Haushalt beizutragen hatte. Der Überschuß wurde bar herausbezahlt oder gutgeschrieben, wie es jeder lieber mochte. Für alle Bedürfnisse war gesorgt. In der Schneiderei konnten sich alle die Kleider anfertigen und flicken lassen, eine Schusterwerkstatt war da und ein gemeinsames Bestellbureau für alle Dinge des täglichen Bedarfs. So waren sie ganz unabhängig, waren ein Gemeinwesen für sich und brauchten keine fremde Vermittlung.