Hellwig nahm das Anerbieten Reinholts an. Der Entschluß war ihm nicht leicht geworden. Erst als er ganz mit sich im reinen war, sagte er ja. Aber nun er sich einmal entschieden hatte, glaubte er um so sicherer an den Erfolg. Verläßliche Leute wurden angeworben, die eine Art Kerntruppe für das neue Unternehmen abgeben sollten. Pfannschmidt war darunter, der alte Kesselwärter Bogner, auch einer von den Brüdern Otto Pichlers. Die reisten mit Reinholt gleich ab. Hellwig wollte noch die Entbindung Evas abwarten.

Und Evas schwere Stunde kam. Die Geburt währte lang, ein Arzt mußte gerufen werden. Fritz war im Zimmer daneben. Die Tür war angelehnt, aber hinein ging er nicht. Auf daß sie später einmal sich nicht doch vielleicht irgendwie vor ihm schäme, weil seine Augen ihre allerhilfloseste Menschlichkeit gesehen. Er hörte das kalte Klirren der Instrumente, die gedämpften Anordnungen des Arztes, das leise Stöhnen seines Weibes. Und er wußte nicht, wie es stand. Die Ungewißheit marterte ihn, die Angst und das Bewußtsein seiner Ohnmacht. Daß er so dastehen mußte und ein Liebes leiden lassen mußte und nicht helfen konnte. Und mit einemmal überkam es ihn und zwang ihn, in seinem Herzen zu wühlen, die verborgensten Falten zu durchwühlen, ob nicht doch vielleicht irgendwo ein Fetzen vom verlorenen Gottglauben zurückgeblieben, an den er sich klammern, den er umkrallen könnte wie der jämmerlichste Betbruder den Rosenkranz. Aber er fand nichts. Wie ein gefangenes Tier im Käfig rannte er ohne Pausen um den Tisch, den Kopf nach vorn geduckt, die Augen starr, mit steif gestrafften Armen und geballten Fäusten. Und empfand seine Ohnmacht und spürte den Widersinn, daß Leben unter entsetzlichen Qualen vom Leben sich losreißen muß, und hörte die Ketten klirren und die Peitsche sausen.

Und dann war drinnen ein weherer Ton. Und dann — der erste Schrei seines Kindes. Da wurde er totenblaß — und seine Arme hoben sich langsam und breiteten sich aus und ein zitterndes Schluchzen kam ganz von tief aus seiner Brust. Und er ging in die Küche, wo weinend die Magd saß. „Marie ... es ... es schreit schon,“ sagte er fremd, mit weicher, bebender Stimme — und schritt wieder wie im Traum in das Zimmer zurück und stand und horchte.

Mittag war nahe. Um die halbentlaubten Bäume im herbstlichen Garten floß der Sonnenschein, blau funkelte der Himmel durch die offenen Fenster, und warme weiche Luft drang herein. Und im nahen Kirchturm begannen alle Glocken auf einmal zu läuten. Und die Glocken läuteten und läuteten, und das Kind schrie und schrie und überschrie das Geläute, heller, freudiger, lebenswilliger — er war noch nie vorher so fromm gewesen wie in dieser Stunde. —

Noch ein anderer hatte mit Fritz gebangt und gelitten. Doktor Kolben, der jetzt den Arzt hatte weggehen sehen und heraufkam, nur bis in das Vorzimmer, und sich erkundigte. Und als er hörte, daß ein Junge angekommen sei, da lachte er über das ganze Gesicht und lief wieder fort. Und schon nach einer kleinen Weile kam er noch einmal und brachte einen großen Strauß blühender Rosen für die junge Mutter. So viele ihrer der Gärtner gehabt hatte, so viele hatte er hergeben müssen.

Den nächsten Tag kam Frau Wart von Neuberg hergereist und im geruhigen Lauf der Stunden fügte sich mählich alles in die neue, von dem jungen Menschlein beherrschte Ordnung. Aber Fritz schwankte wieder und zauderte und verschob seine Abreise Woche um Woche. Es war ihm, als hätte er Eva zum andernmal gewonnen. Und während sie sich langsam wieder aufrichtete, entfaltete sich neben ihr noch ein zweites, ein neues Menschenleben, das ihr und ihm gehörte und doch wieder nicht gehörte, das hilflos in ihre reifen Hände gegeben war, daß sie es formten und sicher einfügten in das rollende Räderwerk der Gegenwart. Und es würde forttreiben und ein Teilchen ihres Wesens mit hinüber tragen in eine Zukunft, die nicht mehr die ihre war. Er konnte lang und immer wieder vor dem weißen Schlafkörbchen seines Buben stehen und den Rätseln des Lebens nachsinnen, indes der Säugling ruhig atmend schlief, mit kaum beflaumtem Kopf und einem blassen Gesicht, das ohne Bewegung war, leidenschaftslos und ohne Arg wie die glatte Meeresfläche — und doch birgt sie ungezählte wunderbare Möglichkeiten, schöne und wilde, furchtbare und sanfte, unter ihrem harmlosen Frieden.

Und die Trennung wurde ihm schwer. Schon erwog er den Gedanken, Weib und Kind gleich mit sich zu nehmen. Er schrieb auch an Reinholt deswegen. Doch der riet ihm ab. Die Lage sei so einfach nicht, die Gegend außerdem öd, die Lebensmittel, und namentlich eine keimfreie Milch, nur sehr schwierig zu beschaffen. Denn die nächste größere Stadt sei viele Meilen weit entfernt und eine sanitätspolizeiliche Überwachung gebe es so gut wie gar nicht. Es sei schon besser, wenn sich Fritz die Sache vorerst ansehe und sich einlebe.

Er las das Schreiben und spürte heraus, daß ihm nicht alles gesagt wurde. Und der Zwiespalt in ihm wurde immer größer. Es drängte und zog und trieb ihn nach dem Ort, wo seine Gedanken Tat werden sollten — und hielt ihn doch mit tausend Fäden fest in seinem Heim. Kolben merkte gut, wie es um ihn stand. Doch er redete da nichts hinein, riet nicht ab und stimmte nicht zu. In Eva aber war die Mutterzärtlichkeit aufgeweckt und die Liebe zum Kinde ließ sie alles andere als unwichtig hintansetzen. Und wenn sie ihn vordem eher aufgemuntert und sich gefreut hatte, weil sie ihn fröhlich sah, so bat sie ihn jetzt, daß er bei ihr bleibe oder sich gedulde, wenigstens ein Jahr noch, bis das Kleine stärker und widerstandsfähiger geworden und eine Übersiedelung leichter zu bewerkstelligen wäre. Und fast hätte sie ihn umgestimmt, und schon wollte er Reinholt bitten, ihn seines Versprechens zu entbinden, obwohl der Fabrikant bereits alle Vorbereitungen traf, Zubauten aufführte, Leute aufnahm, Ungeeignete fortschickte und nur die Ankunft Hellwigs abwartete, um mit der Einrichtung des neuartigen Betriebes ungesäumt zu beginnen. Eine Absage im letzten Augenblick mußte ihm einen empfindlichen Schaden bringen, das wußte Fritz. Und seine Nächte wurden schlaflos und unstet wieder seine Tage, er kämpfte schwer und konnte und konnte sich nicht entscheiden.

Und da war es wieder jene Frau, der er schon so vieles zu danken hatte, die ihm mit behutsamen Händen die Hindernisse wegräumte und das sichere Vertrauen wiedergab, Frau Hedwig, seine zweite Mutter, wie er sie einst genannt hatte. Sie wollte verhüten, daß er sich gegen Reinholt entscheide. Denn das hätte niemandem gefrommt. Ihm nicht, weil ihn später ganz gewiß der Gedanke gepackt und gequält und nicht mehr losgelassen hätte, daß er die Gelegenheit, sein vermeintliches Lebenswerk zu vollenden, nutzlos habe vorübergehen lassen. Und den Seinen nicht, weil sie sich später selbst den Vorwurf nicht erspart hätten, daß sie ihn elend gemacht und schuld an seinem Leiden hätten. Deswegen suchte sie mit behutsamem Takt, ohne daß er es merkte, seinen Entschluß zugunsten Reinholts zu beeinflussen. Und sie tat es um so beruhigter, da für Eva mit ihrem Buben bei den Großeltern in Neuberg eine sonnige Zuflucht bereit stand.

„Wann wirst du denn abreisen?“ fragte sie ihn einmal und sie fragte, als ob alles glatt und seine Abreise eine selbstverständliche und von allen erwartete Sache sei.