„Nein, nein, Leo, sprich nur nicht anders als du denkst!“ entgegnete Fritz traurig. „Die Leute sind nicht besser und nicht schlechter als wir alle. Sie wollen auch nur — wieder Menschen werden. Teilhaben an den reizvollen Nebensachen und bunten Nichtigkeiten, die zwischen Arbeit und Schlaf, zwischen Hunger und Liebe liegen und uns erst vom Vieh unterscheiden. Und sind wir nicht mit schuld, daß sie es so heftig heischen? Die unseren haben das alles, es ist kein Wunder, wenn die anderen gegen uns toben. Leo, es ist Zeit, höchste Zeit, daß wir hier mit dem Aufbau fertig, daß uns die Kräfte frei werden, einen oder den anderen Reichen noch für unsere Ansichten zu werben, zu gewinnen. Vielleicht — gehen wir doch den rechten Weg, können wir dem kommenden Gründer der neuen Gesellschaft — Vorläufer sein ...“
4.
Einer hatte diesem Gespräch zugehört. Robert Karus, der schon seit Tagen in der Gegend weilte. In ihm war der Haß des Zerstörers gegen den Bauenden. Und auch er wollte seinem Freunde Heinz Wart ein Totenmal errichten. Sorgsam bereitete er den Grund, und seine Saat schoß schwer und wuchernd in die Halme.
Aber weder die Freunde Hellwigs noch dieser selbst wußten von seiner Anwesenheit. Und niemand hatte ihnen noch verraten, daß Karus bereits einige Male, das Gitter überkletternd, in den Fabrikpark eingedrungen war, um hinter Buschwerk versteckt zu lauschen. Und seine Flugblättchen gingen unter den Eingeweihten von Hand zu Hand, ängstlich behütet vor den Augen Unberufener, und in geheimen Versammlungen wurden sie besprochen und schürten die Erregung und peitschten die Lust zur Empörung immer höher auf. Mehr als hundert hatten sich schon unbedingt an Karus angeschlossen, viele gab es, die durch die abfälligen Kritiken und klug berechneten Reden der gemieteten Hetzer aufgestachelt, schon unentschieden schwankten und jeden Tag zu Überläufern werden konnten. Und die Streikenden, durch die Unnachgiebigkeit ihrer Brotherren zum äußersten bereit, standen wie ein Mann gegen Hellwig und was Karus und Mark und Leibinger ihnen vorsagten, das sprachen sie nach und glaubten, daß einzig Hellwig an ihrer Lage schuld wäre.
So war eine gewaltige Menge Zündstoff aufgehäuft. Der geringfügigste Anstoß mußte die Explosion herbeiführen. Und Karus sorgte dafür, daß dies bald geschah.
Nun, da der Boden gehörig unterminiert, ein verläßlicher Kern von Anhängern gebildet, die Erbitterung der Leute bedrohlich angewachsen war, nun mußte Sanders, der gedungene Proselytenmacher, aus seiner Reserve heraus. Bei jeder Gelegenheit redete er jetzt ganz offen vor allen Leuten über die mangelhaften Einrichtungen des Unternehmens, schimpfte darüber, mäkelte und nörgelte, und nichts fand mehr Gnade vor seinen Augen. Zu wenig Abwechslung im Essen, zu kleine Portionen, zu wenig Geld, aber viel zu viel Bevormundung, Kasernenzwang und Drill: das war so der eiserne Bestand seiner Argumente. Dieses Tadeln und Mäkeln führte bald zu Zank und Streitereien. Die treu zu Hellwig hielten, wollten es nicht dulden, die andern gaben dem Nörgler recht, Unfriede entstand, Zwist und Spaltung.
Am heftigsten erboste sich über die Reden Sanders’ der alte Bogner. Jedes gehässige Wort gegen den Meister brachte ihn in Harnisch, er schalt und wetterte über die Anmaßung der jungen Leute und wäre am liebsten mit den Fäusten dreingefahren. Aber er erntete mit seinem ehrlichen Grimm nur Gelächter und Spott.
Pfannschmidt wollte anfangs vermitteln und beschwichtigen. Bald jedoch erkannte er den Ernst der Bewegung, erschrak, wie fest sie sich schon eingenistet hatte, und schwere Befürchtungen kamen ihm. Da ging er zu Hellwig und deckte ihm alles auf. Der aber legte, wie vordem den Warnungen Reinholts, jetzt auch diesen Berichten keine Bedeutung bei. Er wollte einfach nicht sehen, wo jeder sehen, nicht hören, was jeder vernehmen konnte. Wollte blind und taub bleiben und allen ungünstigen Zeichen zum Trotz die siegessichere Zuversicht sich aufrechterhalten. Er zwang sich zur Sorglosigkeit, um die Zweifel, die sich schon leise regten, zu übertäuben. Er drückte jeden Argwohn, der ihm jetzt doch manchmal leise aufstieg, gewaltsam nieder, und gewaltsam zwang er sich, an den Erfolg ganz fest zu glauben, weil er den Erfolg brauchte. Weil er das Gelingen nicht nur heiß herbeisehnte, sondern notwendig haben mußte, sagte er: „Es ist schon gelungen!“ und sagte es sich und den anderen immer wieder vor, als könnte durch dieses fortwährende starre Bejahen jede Möglichkeit des Mißlingens gebannt werden. Und es durfte kein Mißlingen geben, sollte nicht, so meinte er, sein ganzes Leben mit in Stücke brechen.
Deswegen stellte er den besorgten Warnern seine lächelnde Sicherheit entgegen, und was nur erst beinahe fertig und was noch fast nur kaum mehr als ein Wunsch war, sollte als fertig und vollendet angesehen werden. Doch weder Reinholt noch Pfannschmidt konnte er überzeugen.
Sanders aber wurde immer dreister. Er begann nun auch über zu viel Arbeit sich aufzuhalten, hatte an jedem neuen Auftrag etwas auszusetzen und wenn er ihn überhaupt ausführte, tat er es nur widerwillig zögernd mit sichtlicher Verdrossenheit. Und als er nach dem festgesetzten Reihengang eine Woche lang die Kontrolle der Nachtwächter besorgen sollte, weigerte er sich mit der Begründung, er sei als Weber aufgenommen und nicht als Hausmeister. Da könne man schließlich auch von ihm verlangen, daß er die Ställe ausmiste oder die Senkgrube putze, das käme auf dasselbe heraus. Er weigerte sich also, schrieb aber auch noch am gleichen Tag an Leibinger, er möge sich bereit halten, die Sache werde bald entschieden werden.