Hoch über den weiten Wiesen zogen weiße Wolken wie Schaumflocken durch den blauen Himmel und flimmerten im Widerschein der müd geneigten Sonne. Eine Spottdrossel sang unsichtbar in einer Hecke. Ihr tiefes, klingendes Lied erfüllte den ganzen Busch, und es war, als sänge dieser selbst mit allen seinen Ästen und unbewegten Blättern durch einen Zauber zum Tönen gebracht. Sonst war Schweigen. Unter goldenen Schleiern lag die Erde still und glanzmüde, und das Leben hielt den Atem an. Und nichts war mehr zu hören als das tiefe, quellende Lied, das aus dem verzauberten Busch in die Märchen gewordene Welt verklang.
Aber nicht überall war diese Landschaft so des Friedens voll.
In der Fabrik Reinholts, in dem großen Garten, auf dem schattigen Platz unter den hohen Kastanien, wo der Tisch für den Vorleser stand und die Bänke für die Zuhörer, ballte sich und lärmte eine dunkle Menschenmasse verworren durcheinander, und Fritz Hellwig war rings von ihr umschlossen. Er hatte eben noch aus dem ‚Egmont‘ vorgelesen und war warm geworden bei der Stelle: ‚Ich fühle mir Hoffnung, Mut und Kraft. Noch hab’ ich meines Wachstums Gipfel nicht erreicht und steh’ ich droben einst, so will ich fest, nicht ängstlich stehen.‘ Aber die Worte: ‚Soll ich fallen, so mag ein Donnerschlag, ein Sturmwind, ja selbst ein verfehlter Schritt mich abwärts in die Tiefe stürzen, da lieg’ ich mit vielen Tausenden‘, die Worte konnte er schon nicht mehr lesen.
Da waren sie vom Lesesaal herübergekommen, erregt und schreiend, und Sanders ging in der ersten Reihe, ein wenig unsicher und ein wenig schwankend, mit zerwirrtem Haar und mit offener Weste. Er hatte sich Begeisterung und Mut getrunken, und das machte ihm jetzt die Füße schwer. Aber seine Zunge war gelenkig geblieben. Im Lesesaal hatte er zu seinen Freunden geredet. Während die anderen ahnungslos ihre Arbeit taten, hatte er seine Leute aufgepulvert. Und jetzt standen sie mit ihm vor Hellwig, um die Auflassung der Strafe zu fordern und — es ging unter einem hin — die Einstellung der Arbeit aus Solidarität mit den hungernden Genossen.
Mit leidenschaftlichen Worten forderten sie das, und ihre Gebärden waren drohend und trotzig. Reinholt und Pfannschmidt hatten sich beim Nahen des Haufens wie zum Schutz neben Hellwig gestellt, und auch die anderen Getreuen drängten näher herzu. Fritz aber stand ruhig und aufrecht da, und seine Augen blickten wie verwundert in das Getümmel. Und je länger sie schauten, desto kälter glänzend wurden sie. Aber kein Muskel zuckte an ihm, nur die Nasenflügel zitterten leicht, und je fester sich die Lippen aufeinander legten, desto bestimmter wurde in dem unbewegten Gesicht der Ausdruck einer harten Entschlossenheit. Sein heller Blick richtete sich fest auf Sanders, und seine Stimme klang herrisch und streng.
„Was suchen Sie noch hier?“ fragte er.
„Fritz!“ flüsterte ihm Reinholt beschwörend zu. „Tu’ jetzt nichts, was sie noch mehr erbittern könnte! Nur jetzt nicht!“
„Ich muß!“
„Was ich hier suche?“ rief Sanders zu ihm hinauf. „Arbeit such’ ich! Brot such’ ich! Gerechtigkeit such’ ich!“
„Gerechtigkeit haben Sie bereits gefunden. Brot und Arbeit suchen Sie anderswo, die Kündigung bleibt aufrecht!“