Mit dem Gesicht nach abwärts hatte sich Fritz ins tauige Gras geworfen. Vielgestaltig regte sich das Leben unter ihm. Winzige weiße Würmchen krochen umher, schwerfällig schüttelten die Fliegen den Tau von den surrenden Flügeln, ein hungriger Käfer lief hastig durch das Labyrinth der grünen Stengelchen, eine Spinne kletterte über das feine Wurzelwerk und über die kleinen Steinchen, mühselig, als stieg sie über hohe Berge. Und unter der beweglichen Mannigfaltigkeit ruhte das braune schwere Erdreich gelassen und still wie die Brüste einer Mutter unter den ratlos tastenden Fingerlein des trinkenden Kindes.
Aber diese Ruhe strömte nicht auf ihn über, und sein Herz ging nicht in stillerem Gang. Schnell und schwer pochte es gegen den Boden im harten Rhythmus der Verzweiflung. Und während er so in die Erde starrte und den herben Duft ihrer Fruchtbarkeit trank, erwachten und zogen vorüber wie Bilder einer Zauberlaterne alle die hingeschwundenen achtunddreißig Jahre seines Lebens mit ihren Hoffnungen und Irrtümern, ihren Kämpfen, Niederlagen und bittersten Enttäuschungen. Was immer er bisher versucht hatte, alles war ihm mißlungen. Viele Wege war er gegangen, mit beschwingtem Fuß, in ernster und froher Begeisterung vermeinend, daß er dem Ziele näher komme. Aber jeder war ein Irrweg gewesen, hatte zum Ausgangspunkt zurückgeführt. Und da hielt er nun, wo er angefangen — vor dem Nichts. Und alle Kraft war verzettelt, alle Arbeit vergeudet, verpulvert, vertan. Und jedesmal hatte er geglüht und geflammt, gleich heiß und hell geflammt für ein Leben ohne Götter und ohne Lüge, für die Herrschaft des deutschen Volkes und für die brüderliche Gleichheit aller Völker, für den Sieg der Sozialisten und für ihre Niederlage durch seine Ideen. Und alles war Lüge gewesen und Götzendienst. Sich selbst hatte er belogen und ein utopisches Ziel war sein Gott und Götze und selig machender Glaube. Wie die Spinne vor seinen Augen mühsam über die Grashalme, war er auf ebenem Boden keuchend gekrochen und hatte vermeint, er stürmte steile Berge empor zum Ziel. Nutzlos verschwendete Mühe — Irrsal — Verzweiflung — das war alles, was ihm geblieben. Und eine Ehe, die keine Ehe war, ein Weib, für das der Gatte, ein Kind, für das der Vater wie ein Gestorbener war.
Aber leise, in den quälenden, schweren Rhythmus der Verzweiflung hinein, nur kaum wie ein schwaches Vogelzwitschern im Gewittersturm verhallend, schwebte fernher, ganz leise, eine Melodie des Trostes und ein schüchterner Hoffnungsklang. Und eine scheue Sehnsucht stand auf und pochte zag an und pochte lauter und mahnte: „Kehr’ heim!“
Und pochte lauter und mahnte inniger: „Kehr’ heim! Zu Eva und Hansl, dorthin gehörst du — sie warten auf dich. — Nicht um deinetwillen — ihretwegen mußt du hin, daß sie aufrecht bleiben und sich weiter freuen — wenn auch du — zerbrochen bist ...“
Und ohne noch einmal in die Fabrik zurückzukehren, wie er ging und stand, im Hausanzug und mit der Gartenmütze, reiste er von der nächsten Bahnstation ab.
7.
Otto Pichler las in seinem Stammcafé in den Zeitungen, daß das Unternehmen des einstigen Freundes gescheitert war. Es bewegte ihn nur wenig. Sein Schifflein war geborgen.
Schon längst hatte er Grete Deming geheiratet, schon längst war er Prokurist und Stellvertreter des Direktors der chemischen Fabrik. Sein Schwiegervater hatte sich vor einigen Jahren zur Ruhe gesetzt. Ein verdienstvoller alter Herr, den man nicht hatte übergehen können, war dermalen mit der Leitung betraut. Aber sein Rücktritt konnte nicht mehr lang auf sich warten lassen, und dann war Otto der kommende Mann. Bei den Beamten war er beliebt. ‚Das Glückskind‘ nannten sie ihn und hatten recht damit. Nur wenige gab es, die so spielend mit dem Leben fertig wurden und mühelos die reifen Früchte auflesen konnten, die ihnen ohne vieles Dazutun wie von selbst in den Schoß fielen.
Seine Ehe war wie tausend andere auch weder heiß noch kalt; eine gleichmäßig laue Atmosphäre hüllte sie ein, ließ keine Stürme heran, machte den Körper feist und war dem Wohlbefinden ungemein bekömmlich.
Er ging seine Wege, Grete ging ihre Wege, mit der Treue nahmen sie es beide nicht zu genau.