Als der zukünftige Direktor den Bericht gelesen hatte, fragte er den Kellner, ob die Herren seiner täglichen Tarockpartie schon anwesend seien. Der Befrackte bejahte. Da zog Otto ein goldenes Etui aus der Brusttasche, zündete sich eine Zigarette an, und während er den Rauch erst einatmete und dann langsam in die Luft hinausschwimmen ließ, dachte er: Ist es nicht Wahnsinn und Aberwitz, Gesundheit und Kraft und Blut für wildfremde Menschen einzusetzen? Wir leben schließlich doch nur das eine Leben, und warum sollten wir uns das nicht so angenehm wie möglich machen und trachten, daß es uns sacht und unmerklich verrinne in Fröhlichkeit und heiterem Behagen?

Dann ging er ins Spielzimmer und mischte die Karten.


[Sechstes Buch]

1.

Mitternacht war vorüber, als Hellwig bei Kolben Einlaß heischte. Der Doktor war noch wach. Als Fritz draußen schellte, ging er ihm ins Vorzimmer entgegen. „Komm nur herein,“ sagte er, „ich hab’ dich erwartet.“

Und Fritz trat wortlos ein und hatte blasse Wangen und scheue Augen, die ohne Unterlaß den persischen Teppich am Fußboden betrachteten. Aber Kolben tat, als bemerkte er das nicht, sondern sprach zu ihm über seine Rosenkulturen im Garten, die heuer besonders reichlich blühen würden, über die vielen sonnigen Frühjahrstage, die immer wieder zu Wanderungen ins Gebirge lockten, über die letzte Premiere im Burgtheater. Über das alles und noch über viele andere Dinge sprach der Doktor unbefangen und zwanglos, als wäre Hellwig nicht an die drei Jahre, sondern kaum ebenso viele Tage fortgewesen. Und nur mitten zwischen diesen Dingen sagte er einmal ganz von ungefähr: „Deine Frau wirst du wohl jetzt nicht aufwecken wollen? Sie weiß auch noch nichts, es ist besser, du bleibst die Nacht bei mir.“

Fritz atmete schwer auf und bewegte die Lippen, aber er sprach nichts und schaute nur stumpf vor sich hin, elend und voll Schuldbewußtsein. Doch als ihm der Doktor jetzt sein Schlafzimmer überlassen wollte, — er müsse sich ausruhen, man sehe ihm ja an, daß er total erschöpft sei, — da lehnte er auch das stumm ab und blieb auf dem Diwan sitzen, mit halb geschlossenen Augen und ganz teilnahmslos. Kolben aber dachte bei sich, daß es besser wäre, den stolzen und harten Mann mit allen den herben Verlusten und Enttäuschungen und Vorwürfen allein sich abfinden und fertig werden zu lassen. Und er brachte Kissen und Decken, wünschte ihm gute Nacht und zog sich zurück. Und Hellwig war ihm dafür dankbar.

Er drehte die Glühlampe ab und blieb im Dunkeln sitzen und erinnerte sich, daß er unter einem Dach mit Eva sei, daß ober ihm sein Junge schlief, und das war Weh und Beruhigung, Qual und Trost zugleich. Doch schließlich wurde die Übermüdung stärker als alles andere, und auf die zerrüttelnden Aufregungen der letzten Tage reagierte der Körper endlich mit einem tiefen traumlosen Schlaf, der bis in die späten Vormittagstunden nicht von den bleischweren Lidern wich.

Über alles mögliche hatte Kolben geredet. Aber was er für den Freund getan und wie er Eva über die langen einsamen Tage und Monate und Jahre hinweggeholfen, davon hatte er geschwiegen. Mit opferwilliger Treue, ein verläßlicher Berater und Sorgenbanner, war er ihr zur Seite gestanden, und während sie anfangs nicht darauf achtete, hatte er ihr alle unangenehmen und schwierigen Geschäfte abgenommen. Auch ihr Vermögen verwaltete er, und wenn Eva sich niemals ganz verlassen fühlte und wenn ihr gar nicht recht zu Bewußtsein kam, was eigentlich Fritz ihr angetan hatte, als er sie mit dem Kinde unbesinnlich in der großen fremden Stadt mutterseelenallein gelassen, wenn sie davon nichts merkte und sich leidlich zufrieden und geborgen glaubte, so war dies ausschließlich das Verdienst des Doktors.