„Vaterle ...?“ fragte er furchtsam.
„So trau’ dich doch, Hansl! Na?“ Und um ihm die oft vorgesprochenen Worte ins Gedächtnis zu rufen, begann sie: „Grüß’ — Gott —“ Da stellte sich das Kerlchen stramm vor den großen Vater hin und sagte hell und herzhaft: „Grüß’ Gott, Vaterle, und hab’ mich lieb. Hab’ auch Mutterl lieb und bleib’ bei uns!“
Wortlos, in tiefster Bewegung, hob Fritz seinen Sohn zu sich hinauf und küßte ihn.
„So!“ rief Eva. „Jetzt komm, Hansl, wir wollen Vaterl was zu essen holen!“
Und rasch führte sie den Buben aus der Stube. Er durfte seinen Vater nicht länger in solcher Erregung sehen.
2.
Ein Tag nach dem andern ging vorüber und Hellwigs düstere Miene wollte sich nicht aufhellen. Sein Inneres war wie ausgebrannt, wüst, nackt und leer. Alle Quellen waren versiegt, alle Hoffnungen verdorrt. Was er für sein Lebenswerk gehalten, lag in Trümmern. Da schämte er sich vor sich selbst, vor seinem Weibe, vor den Menschen.
Führer hatte er ihnen sein wollen, Pfadfinder, Heilbringer — und war nichts gewesen als was so viele andere auch: ein Irrlehrer und dünkelhafter Maulheld, der da glaubte, den Menschen die Wahrheit schenken zu können. Jeder andere durfte mit gleichem Recht das gleiche behaupten. Die Wahrheit hatte ja doch keiner, konnte keiner haben, weil es im ständigen Fluß der Entwicklung einfach keine Wahrheit gab. Keine Wahrheit wenigstens, die zu allen Zeiten Wahrheit bleiben muß. Wer am Ufer steht oder im Strome treibt, weiß vielleicht, daß die Strombahn in diesem Augenblick von Westen nach Osten zieht. Aber ob sie sich tausend Meter weiter unten nicht nach Süden wendet oder nach Norden oder im Bogen zurück nach Westen, das weiß er erst, bis er’s mit eigenen Augen sieht. Doch so wahr der Strom ein paar Meter weit nach Osten fließt, so wahr fließt er auch ein paar Meter weiter unten nach Süden. Wer aber wäre vermessen genug, zu behaupten: Tausend Meter abwärts muß dieser unbekannte Strom im unbekannten Lande so fließen und nicht anders! — In tausend Jahren muß die Menschheit diesen und diesen Weg gehen und keinen andern!
Wer wäre so vermessen?
Er, Fritz Hellwig, er hatte die Vermessenheit gehabt und schämte sich jetzt, da er sie erkannte. Und noch etwas anderes erkannte er jetzt: den Frevel, so nannte er es, der kein Freund der Beschönigung war, den Frevel, den er an Eva und seinem Kinde begangen — und an sich. Das frohe Lachen und Plaudern des Buben war ihm wie beständiger Vorwurf. Aus den guten Augen seiner Frau las er ihn und immer haltloser wurde er.