Auch Kolben vermochte da nichts zu richten. „Dir hätt’ ich auch eine Schuld abzuzahlen, Albert!“ hatte Fritz bitter gesagt und als der Doktor dagegen lachend protestierte, hatte er tonlos weiter gesprochen: „Ich muß nur nehmen und immer nehmen! Immer nur in euerer Nachsicht leben! Das ist nicht gut, Albert, nein, das ist nicht gut ...“ Und er war wieder in das tatenlose Hindämmern gefallen, jedem Zuspruch unzugänglich und taub für jeden Trost.

Seit seiner Rückkunft hatte er die Wohnung nicht verlassen. In sich vergraben und ganz in seine Verzweiflung eingewühlt lebte er, zeigte für nichts Interesse, rührte die Zeitungen nicht an. Briefe von Reinholt liefen ein. Sie blieben ungelesen. Wenn die Flurglocke klang, schrak er zusammen. Er fürchtete sich vor den Menschen, weil er sich vor ihnen schuldig glaubte.

„Doktor, was sollen wir nur machen?“ fragte Eva oft ganz mutlos.

„Gehn lassen!“ antwortete dieser. „Es wird auch wieder anders werden.“

Und sie ließen ihn gewähren. Mit keinem Wort rührte Eva an der Vergangenheit, tat, als wäre er nie fort gewesen. Sie drängte sich ihm nicht auf, aber stets war sie in seiner Nähe, hielt jede Störung fern, barg ihren Kummer hinter hellen Mienen und lächelnder Heiterkeit, hüllte ihn ganz in ihre Liebe ein und umhegte ihn mit jener stillen Hausmütterlichkeit, deren Walten unmerklich ist und die doch alles durchleuchtet und durchwärmt.

Und wenn sie sich gar keinen Rat mehr wußte, schickte sie Hansl zu ihm. Den konnte er dann stundenlang auf seinen Knien haben, wie ein Kind konnte er mit ihm plaudern und alle Märchen, die er noch wußte, erzählte er ihm. Aber sobald der Junge fort war, sank er wieder zusammen wie ein Feuer, das allen Brennstoff aufgezehrt hat.

Unangemeldet kam eines Tages Kaufmann Wart hergereist, um nach dem Rechten zu schauen und nebenbei auch seinem Schwiegersohn gründlich den Kopf zu waschen. Aber als er ihn so elend sah, unterließ er es. „Das Flamändern wird dir jetzt wohl vergangen sein!“ knurrte er nur.

Einige Tage später nahm er ihn beiseite: „Fritz, was wirst du jetzt eigentlich anfangen?“

„Ich — weiß es nicht ...“

„Aber ich wüßt’ was!“ lächelte verschmitzt der rundliche Mann, der jetzt wieder frisch und blühend aussah und unter seinem weißen Barthaar feiste rote Wängelein hatte. „Ich wüßt’ was! Komm zu uns nach Neuberg!“