„Das geht nicht!“
„Muß gehn, Fritz. Schau, es ist ein wahrer Jammer. Alles klerikal, alles schwarz, bis über die Ohren schwarz! Das wär’ was für dich. Misch’ auf! Jag’ sie davon! Schließlich, es ist ja doch deine Vaterstadt. Wär’ ein Verdienst, Fritz, — und besser, als so ins Weite, Nebulose hinein. Dort hast du wenigstens festen Boden und weißt, daß du darauf gehörst und für wen du’s machst. Dein Bub, — hm — ich denk’ halt, jeder Baum braucht seine Erde. Und so eine Großstadt, das ist doch keine richtige Heimat. Irgendwo aber soll jeder Mensch seine Wurzeln haben. Pflanz’ halt den Hansl dort ein, wo er hingehört, nicht? Und dann — uns zwei Alten tät’s auch wohl. Die Mutter, — sie hat zu viel durchmachen müssen, — die Mutter kann nicht mehr recht fort. Es zwickt und reißt sie überall. Gefahr ist keine, aber beschwerlich ist so was, drum ist sie auch nicht mitgekommen. Die Mutter, siehst, und ich — jetzt sind wir schon ganz allein. Und dann hätten wir wenigstens wieder jemanden. Und schreiben — du wirst ja doch nichts andres tun als Bücher schreiben und für die Zeitungen — schreiben kannst bei uns draußen auch. Was meinst?“
Fritz antwortete nicht gleich. Kolben kam herein.
„Stör’ ich?“ fragte er.
„Nur herein, Herr Doktor! Ich sag’ grad’ nur, der Fritz soll mit nach Neuberg!“
Kolbens Augen hinter der goldenen Brille leuchteten auf. Das konnte eine Lösung sein. Aber diplomatisch meinte er nur: „Hm, Neuberg? Was dort?“
Fritz sagte nicht ja, nicht nein. Doch die Worte klangen in ihm nach. Und die beruhigende Aussicht in eine Zuflucht ließ ihn gefaßter werden, wenn er sich das auch nicht eingestehen wollte, und richtete ihn auf und war wie das Bändchen Bast, das ein ins Krumme wachsendes Bäumchen am stützenden Pfahl festhält.
3.
Und die Tage glitten weiter, sacht und gleichmäßig, wie weiße Schwäne auf einer unergründlich tiefen und dunklen Flut. Glatt war die Oberfläche und verriet nicht, was darunter brausend durcheinander brodelte, alle Leidenschaften deckte sie zu, alle Angst und Qual und Aufregung, und darüber segelten die weißen Schwäne, einer hinter dem anderen, ruhig und lautlos. Kaum merklich war die Bahn, die sie zogen, aber sie war doch da und in den sanft bewegten Wellen spiegelte sich mit kleinen Lichterchen die verbannte Freude, versuchten die Silberfischchen der Hoffnung zaghaft ihren Tanz. Und zwischen das stürmische Einst und das Jetzt schob sich mit mildem Glanz, die scharfen Konturen abtönend und verschleiernd, wie eine durchsichtige Wolke der Friede.
Ohne Geräusch und ohne viele Worte, mit einer gleichmäßig stillen Freundlichkeit und innigen Hingabe, versah Eva den Haushalt und pflegte den kleinen Hansl und den großen Fritz und jede Bequemlichkeit bereitete sie ihm. Und täglich kam sie mit den Zeitungen und fing von Dingen zu reden an, die ihr ganz fern lagen. Von Doktor Kolben oder aus den gelehrten Büchern holte sie sich Aufklärung, in die schwer gangbaren Gebiete der Finanzwissenschaft und der hohen Politik drang sie mutig ein, schlug sich tapfer mit den schwierigsten Lehren und mit den verwickeltsten Ereignissen herum, um nur mit ihrem Manne über etwas sprechen zu können, was vielleicht seine Teilnahme wecken und ihn aus der schweren Dumpfheit reißen könnte. Oder sie legte ihm Zeitschriften und Bücher auf den Tisch: hier sei ein bemerkenswerter Aufsatz, den müsse er lesen. Und dieses neue Werk vom Wesen des Geldes werde ihn möglicherweise auch ansprechen. Doch wenn sie ihm von Reinholt Briefe brachte, dann sagte sie nichts dazu und schaute ihn nur freundlich bittend an: Er solle doch einmal einen aufmachen und lesen. — Aber mit keinem Wort rührte sie an der Vergangenheit, erwähnte auch nichts davon, daß viele Blätter für ihn eintraten und das Vorgehen seiner Feinde in der schärfsten Weise verurteilten. Das hatte Zeit, das konnte ihm später als Genugtuung dienen. Jetzt sollte er nur erst aus der schlaffen Teilnahmslosigkeit heraus. Aber es wollte und wollte nicht anders mit ihm werden. Meist saß er vor seinem Schreibtisch, hatte die weißen Papierbogen vor sich liegen und die Feder daneben, aber er rührte sie nicht an und nicht eine Zeile schrieb er, sondern grübelte nur und brütete vor sich hin, viele, viele Stunden lang. Aber die Melodie der Häuslichkeit tönte immerzu leis um ihn und ruhiger und ruhig schlug allmählich sein Herz.