Und da geschah es eines Tages — ein Gewitter war verrauscht und durch zerrissenes Gewölk drang die sinkende Sonne mit schrägen Strahlen, die von den Fensterscheiben gegenüber in gelber Lohe zurückflammten. Dämmrig wurde es und düster, und Eva zündete die Lampe an. Das Gas brodelte leise im messingnen Auslauf, und vor den Fenstern draußen im Garten schlief sanft und sacht die Erde ein und eine Amsel sang vom eisernen Windpfeil eines Landhauses herab der müden das Schlummerlied. Da geschah es. In dieser seltsam leuchtenden und heimlich klingenden Stille außen und innen, in diesem feierabendlichen Frieden, der alle Dinge weich und warm in seine Arme nahm, geschah es.
Halb vom Vorhang zugedeckt, saß Fritz beim Fenster. Er hatte, nach langer Zeit wieder einmal, in seinem Werk geblättert, das er einst in einem Rausch der Schaffensfreude niedergeschrieben, hatte auch einzelne Stellen gelesen, wieder und wieder gelesen, aber keinen Widerhall in seiner Seele gehört. Worte waren das, leere, taube Worte, die an ihm abglitten und hohl tönten, wie Gefäße ohne Inhalt. Und alle Glut war in sich zusammengesunken, und unter der Asche glomm kein Funke mehr.
Er klappte das Buch zu und lächelte bitter, als er den gepreßten Lederrücken sah. Für Jahrhunderte schien dieser Einband berechnet und was er umschloß, war schon widerlegt, war schon verbrannt und ausgekühlt und wertlos.
Lang saß er dann und schaute in den Garten hinaus. Noch tobte das Gewitter und die Wolken hingen ganz niedrig und die Bäume bogen sich und zitterten im Sturm und wenn ein Blitz grell aufflammte, der Donner nachkrachte, duckten sie sich noch tiefer und bebten sie noch stärker. Und die weißen Landhäuschen fürchteten sich mit ihnen und kauerten wie verirrte junge Tiere in dem zitternden Grün. Und in dicken Strängen fiel der Regen nieder. Und dann wurde es stiller und lichter und freier und der letzte Donner war noch nicht vergrollt, da war auch schon wieder Amselsingen und war leuchtender abendlicher Friede.
Dann flammte die Lampe auf, und Eva kam und legte ihm die Abendblätter aufs Fensterbrett. Und wie jedesmal schob er sie beiseite, ohne einen Blick hineinzutun. Denn er wollte nicht erinnert werden, wollte nicht wissen, was draußen in der Welt vorging, das sollte tot für ihn sein, wie er für die Welt tot sein wollte.
Lebhaft und ungestüm sprang jetzt sein Bub, des stillen Spielens mit den Bauklötzchen in der Ecke müd, zu ihm her, legte die Arme um seinen Leib und den Kopf auf seine Knie: „Vaterle, erzähl’ was!“
Da schrak er aus seinem Grübeln und schaute das Kind mit ausdruckslosen Augen an.
„Was erzählen!“ bettelte der Bub.
Nun bezwang er sich mühsam, hob den Knaben auf seinen Schoß, fing nach einer geraumen Weile zu reden an: „Also — es war einmal ein Mann, der war verwunschen, immerzu irre zu gehen. Wenn er wohin gewollt hat, in die Kirche oder auf den Jahrmarkt in die Stadt, hat er niemals den rechten Weg finden können. Er selber freilich, er hat schon geglaubt, daß er richtig geht. Immer der Nase nach geradeaus, dann links um die Ecke und noch einmal rechts um die Ecke, dann muß die Kirche ja da sein. So hat er geglaubt. Aber die Kirche ist nicht da gewesen, sondern die Ziegelscheuer oder die Herberge oder sonst ein Haus, nur nicht die Kirche. Und er hätte doch darauf geschworen, daß er recht gegangen ist. Und wenn er zum Jahrmarkt nach Aberg gewollt hat, ist er sicher zum Viehmarkt nach Beheim gekommen, was doch in einer ganz anderen Richtung liegt. Weil er aber nicht leer nach Haus hat kommen wollen, hat er sich halt dort eine Kuh gekauft oder einen Ziegenbock und den hat er dann sicherlich dem Meister Schneider oder Fleischhauer in den Stall getrieben, die doch am andern Ende vom Dorf gewohnt haben. Und kurz und gut, er hat halt nie dorthin kommen können, wohin er gewollt oder wo er zu tun gehabt hat. Immer hat er sich verirrt oder ist immerzu im Kreis herumgegangen, immerzu rundherum im Kreis.“
Er schwieg und holte tief Atem.