„Aus Staub, jawohl! Aber nicht aus Dreck! Aus Staub, den seine göttliche Hand von aller Unreinheit geläutert und geadelt, sein göttlicher Atem gewandelt hat zum köstlichen Gefäß der unsterblichen Seele!“

Da sagte Hellwig und ein warmes Leuchten kam aus seinen Augen: „Auch dieses habe ich in Darwins Lehre gefunden. Der Atem Gottes kam in den Staub — da war das Leben. Das Leben selbst ist dieser Atem, des Lebens Regung in uns, das ist die Seele, unsterblich wie das einmal gewordene Leben selbst. Und Gott ist nichts anderes als die Natur, die aus sich selbst das Leben gebiert, dreifach und doch nur eins: der leblose Stoff als Träger der ewigen, ehernen, großen Gesetze; der Leben gewordne Stoff, der den unbelebten zur Selbsttätigkeit erlöst und endlich der Selbstbewußtsein gewordene Stoff, der Geist. So hab’ ich’s mir zurecht gelegt.“

„Lästern Sie nicht, Verblendeter!“ Der Pater hob abweisend die Hand. Ruhiger fuhr er fort: „Ihre Seele, Kind, ist überwuchert von Unkraut und Dornen! Viel Schweiß wird es kosten, diesen Boden zu jäten und für die Aufnahme der heiligen Samenkörner zu bereiten, die da sind die Worte der Evangelien. Wir müssen ganz von vorn anfangen und das so bald als möglich. Morgen abend um sechs Uhr erwarte ich Sie. Jetzt aber lassen Sie mich allein. Sie haben mich tief betrübt, ich will im Gebete Trost und Zuflucht suchen. Und auch für Sie will ich beten, daß Ihnen Gott die schwere Sünde nicht zu hoch anrechnet, die Sie im Angesicht des Gekreuzigten begangen haben!“

Er warf sich vor dem Hausaltar, der in einer Zimmerecke errichtet war, in die Knie, legte die Stirn auf das Holz der Betbank, hielt die gefalteten Hände über dem Haupt empor. Wie gelöst schienen seine Glieder, unter dem seidig glänzenden Priesterrock bebte der Leib in Fieberschauern.

Eine tiefe Furche zwischen den Brauen, mit stürmischem Atem und zuckenden Nüstern schaute Fritz empört zu. Dann sagte er laut und hart: „Herr Professor, lügen Sie doch nicht Ihrem Herrgott ins Gesicht!“

Jäh fuhr Romanus in die Höhe. In den Halsadern pochten ihm alle Pulse sichtbar. „Bube!“ schrie er. Aber sogleich wieder hatte er die aufgestörten Leidenschaften fest im Zügel. Stoßweise, mit gewaltsam gebändigter Erregung, sprach er: „Danken Sie’s Ihrer Mutter, daß nur der Priester und nicht Ihr Professor die frechen Worte gehört haben will. Sie haben die Achtung vor jeder Autorität verloren. Hellwig, Hellwig, das wird ein böses Ende nehmen! Ich wollte Ihnen ein Freund und Berater sein, doch Sie haben meine väterlich gebotene Hand zurückgestoßen. Gut! Ganz wie Sie wünschen! Ich werde trachten, auch das zu vergessen. Das ist mehr Nachsicht, als Sie verdienen. Damit ist meine Aufgabe vorläufig beendet. Wenn Sie aufrichtig bereuen, steht Ihnen meine Wohnung wieder offen. Bis dahin — gehen Sie!“

Sein ausgestreckter Finger zeigte nach der Tür. Fritz verneigte sich stumm und ging langsam. Aber über die ausgetretene Schneckenstiege rannte er schon in heftigen Sätzen.

Draußen atmete er auf. Die leichte Winterluft streichelte ihm die Stirn, schien mit frischen, kühlen Händen alle Unreinheit fortzuwischen, die er aus dem Haus des Geistlichen an Leib und Kleidern mitzutragen glaubte.

Trotzdem gelang es ihm nicht gleich, den Ekel zu überwinden, den das Gebaren des Jesuiten in ihm ausgelöst hatte und den er ganz körperlich, wie den Nachgeschmack einer verdorbenen Speise, zu empfinden vermeinte, so oft er sich das Bild wieder vergegenwärtigte: Die große Gebärde, mit der sich Romanus vor dem Altar in die Knie geworfen, das heuchlerische Spiel mit Gebet und christlicher Liebe, die schamlose Schaustellung von Gefühlen, die, wenn wirklich empfunden, unter allen Umständen der Einsamkeit gehören mußten. Und er empfand lebhafte Genugtuung, daß er mit seiner Meinung nicht hinterm Berge gehalten. Vor den Folgen war ihm nicht bang. Er wußte, daß er recht gehandelt und glaubte noch an den Sieg des Rechts, weil er an die Menschen glaubte und, selbst vornehm, auch anderen keine Niedrigkeit zutraute.

Als er nach stundenlangem planlosen Herumwandern das Gleichgewicht endlich wieder erlangte, war der Abend bereits so weit vorgerückt, daß er Heinz nicht mehr aufsuchen wollte. Der wußte ebensowenig wie Otto um die ganze Angelegenheit. Denn Hellwig hatte diesmal niemandem seine Absicht mitgeteilt, weil er die Erinnerung an das Auskneifen Pichlers noch zu lebendig mit sich herumtrug und nicht abermals einen Freund in Versuchung bringen wollte. Das Verheimlichen war ihm schwer genug angekommen, wie einen Vertrauensbruch empfand er es. Der Aufschub, zu dem er sich jetzt abermals gezwungen sah, war ihm daher höchst unlieb, und er konnte kaum den nächsten Vormittag erwarten. Dieser war schulfrei zum Behufe eines würdigen Nachgenusses der Kommunion, die den Studenten bei der ersten Frühmesse gespendet wurde und von der sich Hellwig selbstverständlich fern hielt.