Pater Romanus empfing ihn beim Schreibtisch sitzend, und sein Kopf war vollständig unsichtbar zwischen den dickleibigen Schmökern, die sich rechts und links der Wangen zu Bergen türmten. Als die Tür aufging, stieg der schwarze Haarschopf langsam aus diesem Bücherverließ, die Augen spähten wie über eine Burgzinne nach dem Eintretenden, — dann sprang die schwarze Gestalt rasch vom Sessel empor und kam mit einem freudigen „Ah!“ der Überraschung auf den Jüngling zu.
Der aber ließ sich nicht beirren, sondern begann ohne Umschweife einen trockenen Bericht über den Vorfall in der Beichtkammer.
Pater Romanus hatte sich an dem Tisch in der Mitte des Zimmers niedergelassen und hörte mit einem rätselvollen Gesichtsausdruck aufmerksam zu. Als Hellwig fertig war, sagte er mit mühsam behaupteter Ruhe: „Wenn das so ist, Kind Gottes, dann gehen Sie morgen selbstverständlich nicht zur heiligen Kommunion. Auch vom Kirchenbesuch enthebe ich Sie vorläufig unter der Bedingung, daß Sie dafür wöchentlich einmal zu mir kommen. Wollen Sie mir das versprechen?“
„Ich glaube nicht, daß das einen Zweck hätte, Herr Professor,“ entgegnete Fritz zögernd.
Nun erhob sich der hagere Priester wieder, stand in der dunklen Soutane, die sich glatt und faltenlos über den flachen Brustkasten spannte, Stirn gegen Stirn dem hoch aufgeschossenen Schüler gegenüber, und seine Stimme hatte den schwingenden Predigerton, als er jetzt rief: „Geben Sie den Einflüsterungen des Bösen kein Gehör, der übermächtig in Ihrem Herzen aufsteht, weil die alleinseligmachende Kirche ihre Anstalten trifft, ihm ein vermeintlich schon sicheres Opfer zu entreißen. Er schlägt Sie mit Blindheit, daß Sie vor lauter Finsternis den Zweck nicht sehen können und das sonnenklare Ziel! Ihre Seele ist in Gefahr, Fritz Hellwig! Sehen Sie in mir das Sprachrohr unseres allgütigen Gottes, der Sie in letzter Stunde zur Umkehr mahnt!“
Da reckte sich der Jüngling empor: „Ich habe es nicht nötig, umzukehren, Hochwürden. Ich will nicht zurück, sondern vorwärts!“
„Ihre Verstocktheit ist groß, Kind, aber mit Gottes Hilfe ist mir die Bekehrung weit ärgerer Sünder schon gelungen, auch bei Ihnen wird sie kein vergebliches Bemühen sein. Ich kenne Sie durch und durch, Hellwig, und kenne auch die Ursache Ihres jetzigen Zustandes. Sie lesen zu viele weltliche Bücher. Machen Sie sich davon frei! Die weltlichen Bücher sind die Saatfelder des Teufels, in denen die Giftpflanze der Seelenfäulnis üppig in die Halme schießt! Sie machen den Gläubigen wankelmütig und bestärken den Ungläubigen in seinem gottlosen Wandel. Satan wollte die Menschheit von Gott abwendig machen, da erfand er die Lettern und gab ihr die weltlichen Bücher. Aller Schmutz fließt in ihnen zusammen wie in einer Kloake und jegliches Übel kommt von ihnen. Verbrennen sollte man sie und in Acht und Bann tun alle diejenigen, die sie erzeugen und verbreiten! Kind Gottes, warum lasen Sie solche Schriften, in denen die Verleumdung der Religion ihren eklen Geifer verspritzt? Warum lasen Sie weiter, statt sie ins Feuer zu werfen, als Sie die Verlockung zum Unglauben merkten?“
„Solche Bücher kenne ich nicht, Hochwürden. Nur ernste wissenschaftliche Werke. Darwin zum Beispiel.“
„Darwin!“ ächzte Romanus. „Darwin! — Auch ich habe ihn gelesen, aber als reifer, glaubensfester Mann und nicht als haltloser Jüngling! Wissen Sie denn nicht, daß geschrieben steht: Hütet euch vor jenen, die im Schafspelze zu euch kommen, im Innern aber reißende Wölfe sind? O Kind Gottes, und Darwin ist der Oberste dieser Wölfe! Ein Irrlehrer ist er, ein schamloser Verführer und wahnwitziger Lügensprecher! Oder ist es nicht Wahnsinn, daß wir, die Ebenbilder Gottes, für die sein eingeborener Sohn am Kreuze blutete, entstanden sein sollen nicht durch eines allmächtigen Schöpfers Hand, sondern durch blinden Zufall aus einem Urschleim? Der Kot des Lebens Anfang und der Menschheit Vater! O mein Gott! Mein Gott! Daß sich überhaupt Leute finden, die so hirnverbrannt sind, das zu glauben!“ — Der Eiferer schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn und Fritz entgegnete bescheiden:
„Auch in der Bibel steht, daß Gott den Menschen aus Staub erschaffen hat.“