„Ich will nie etwas tun, das ich nicht vor mir selbst verantworten kann und bemühe mich, meine Kräfte für die Allgemeinheit auszubilden, so gut ich kann,“ entgegnete Fritz nach einigem Besinnen.

„Schön, lieber Bruder, recht schön. Das ist ganz christlich gedacht und gehandelt. Und nun noch eins: Haben Sie sich leichtfertig oder aus Übermut zu einer solchen Beichte entschlossen? Haben Sie skrupellos und ohne Kampf den Glauben Ihrer Kindheit über Bord geworfen?“

„Es ist mir nicht leicht geworden,“ gestand Hellwig, wenn auch mit Widerstreben.

„Das genügt mir schon, lieber Bruder, denn: an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen, spricht der Herr. Und deswegen ...“

Der greise Priester schwieg und schien mit einem schweren Entschluß zu ringen. Dann aber sagte er, und es zeigte sich, daß in dem verwitterten Körper jene Liebe, die ihn einst seinem Berufe entgegengeführt hatte, noch lebendig, daß sie nicht zermürbt oder ertötet worden war, durch den beständigen Kampf wider den Zweck und die Bestimmung seines Menschentums. Jenen entnervenden Kampf, den er als Jüngling in der Begeisterung seiner Jahre freiwillig aufgenommen hatte und darin der gereifte Mann unter allen Qualen des Entsagens und Kasteiens gegen die Natur sündigen mußte, um nicht gegen seinen Gott zu sündigen.

„Mein lieber Bruder,“ sagte er, „Ihre Sünde ist nicht so groß, wie Sie anzunehmen scheinen. Und der Schmerz, die Unruhe, die Sie empfinden, seit Sie an unserm barmherzigen Schöpfer zu zweifeln angefangen haben, ist auch eine Buße, die gewogen und wahrlich nicht zu leicht befunden werden wird. Darum glaube ich es vor Gott und vor meinem Gewissen rechtfertigen zu können, wenn ich Sie Ihrer Sünden ledig spreche. Leider habe ich nicht die Zeit, Ihnen die Gründe eingehend darzulegen, denn draußen warten andere Beichtkinder. Auch bin ich alt und müd und geistig nicht mehr regsam genug, um die großen Gärungen der neuen Zeit zu verfolgen und Ihnen im Sinne unseres Glaubens auszudeuten. Wenden Sie sich daher an Ihren Religionsprofessor und vertrauen Sie sich ihm getrost an. Es wird Ihr Schade nicht sein.“

Segnend hob er die Hand, begann er die lateinische Formel zu sprechen. Er ließ sich hierbei auch von dem Gedanken leiten, daß durch ein Verweigern der Lossprechung, das bei den strengen Gymnasialvorschriften leichtlich zur Ausweisung führen konnte, der junge Zweifler nicht nur nicht gebessert, sondern erst recht zum Verharren in der eingeschlagenen Bahn bewogen worden wäre. Hellwig aber verstand diese Güte nicht. Rücksichtslos und hart gegen sich und andere, forderte er dieselbe Härte und Rücksichtslosigkeit im Verfechten der Grundsätze auch von den anderen für sich selbst wie ein gutes Recht. Deswegen wartete er das Ende der Lossprechung nicht ab, sondern erhob sich mit einer jähen Bewegung von den Knien und schritt trotzig aus der Zelle.

Er ging zu Pater Romanus.

Der bewohnte im ersten Stockwerk eines armseligen Hauses zwei enge Gelasse, die mit Kruzifixen, Heiligenbildern, Büchern und kaum dem notwendigsten und dürftigsten Hausrat versehen waren. In dem einen Raum befand sich neben einem Schrank, einem Betpult und einem Waschtisch überhaupt nur noch ein schmales, mit Roßhaarkissen und einer groben Kotze ausgestattetes Bettlein. Es ging jedoch die Rede im Ort, daß an diese zwei Räumlichkeiten noch ein drittes Zimmer stoße mit behaglichen Polstermöbeln und mit weichen Daunenpfühlen in einer breiten, fast doppelspännigen Bettstatt, darinnen eine wunderschöne Nichte des Paters die jungen Glieder strecken und nebenbei auch dem Oheim die Wirtschaft führen sollte. Doch konnte das ebensogut böswillige Verleumdung sein, denn wenn auch manche ein derartiges Frauenzimmer bisweilen an den Fenstern oder im abendlichen Dunkel auf Spaziergängen begriffen gesehen haben wollten, so war für alle Fälle und jedermann sichtbar eine ungemein häßliche Weibsperson vorhanden, die in einer winzigen Küche ein ungebärdiges Wesen entfaltete, wie ein Zerberus den Wohnungseingang bewachte und jeden Unbekannten rücksichtslos vor der hölzernen Lattentür im Vorflur warten ließ, bis sie ihn bei ihrem geistlichen Herrn angemeldet hatte.

Auch Fritz erhielt auf seine Frage, ob er den Herrn Professor sprechen könnte, die mürrische Antwort: „Werd’ nachsehn!“ und konnte dann in aller Muße Zug für Zug die Buchstaben des messingnen Namensschildes an der Vorhaustür betrachten, ehe ihm diese geöffnet wurde.