Da hob Fritz die Hände wie zur Abwehr: „Das fehlte grad’ noch!“
„Wird dir nichts übrig bleiben!“ erwiderte Heinz. „Sie ist schon furchtbar neugierig auf dich. Gestern ist sie auf Weihnachtsferien gekommen — weißt, sie ist heuer in Deutschland draußen in einem Töchterheim — und die Mutter muß ihr was von dir geschrieben haben. Sie hat wenigstens gleich gestern gefragt, wann du herkommst.“
„Dann komm’ ich überhaupt nicht mehr, bis sie wieder fort ist! Ich wüßt’ ja gar nicht, was man mit so einem Wesen reden soll!“ platzte Fritz heraus und Wart setzte die Neckerei fort: „Nur Mut, Fritze! Wenn man erst über den Anfang hinaus ist, findet sich alles von selber. Sie wird dich nicht gleich fressen!“
„Aber ich kann doch um Himmels willen nicht von Buddha und Haeckel mit ihr sprechen!“ unterbrach ihn Hellwig verzweifelt. „Und was anderes interessiert mich nicht! Und was mich nicht interessiert, davon red’ ich nicht! Und wovon ich gern reden möcht’, das kann doch wieder so ein Pensionsmädel nicht interessieren, so ein Gansl! Nein, da ...“
‚Tu’ ich nicht mit‘ wollte er sagen. Aber der Satz blieb ihm in der Kehle stecken. Mitten in seine Worte hinein hatte eine klingende Stimme gerufen: „Dank’ schön für die gute Meinung, Herr Hellwig!“
Und da stand sie, gegen die er soeben geeifert, leibhaftig unter der geöffneten Tür, durch die vom Gangfenster in der hinteren Giebelwand ein breiter schräger Streifen Sonnenlicht fiel. Wie goldene Fädchen glänzten die krausen Locken über den kleinen Ohrmuscheln, hinter den lachenden Lippen blitzten die Zähne, und die Sonnenstäubchen tanzten um die feinen Schultern, tanzten um die werdenden Hüften unterm roten Gürtelband, tanzten um den ganzen schlanken Leib im hellen Tuchkleid, der sich auf tanzbereiten Füßen wiegte und seiner jungen Schönheit sorglos freute.
Fritz war nicht so sorglos. Linkisch stand er, mit rotem Gesicht, und wußte tatsächlich nicht, was er reden sollte. Heinz schaute von seinem Schreibtisch behaglich nach den beiden, schlang die Hände um das emporgezogene Knie und war gemütsroh genug, dem ruppigen Freunde den fatalen Zustand vom Herzen zu gönnen.
„Jetzt wehr’ dich!“ rief er ihm fröhlich zu. „Gib acht, daß sie dir nicht die Augen auskratzt.“
„Von mir aus ...“ brummte Hellwig achselzuckend, während er sich trotzig gegen die Wand lehnte, die er im beständigen Rückwärtsschreiten endlich erreicht hatte. Dabei duckte er den Kopf nach vorn, denn der aufstrebende Haarschopf fegte bereits die schiefe Decke des Dachzimmers. Und da er noch obendrein die Hände zu Fäusten geballt hielt, war er ganz bedrohlich anzusehen, gleich einem sprungbereiten Tiger oder lauernden Schnapphahn, wie Heinz belustigt meinte.
Mittlerweile hatte sich die junge Schöne mitten in der Stube aufgepflanzt und tauschte mit dem Bruder einen verständnisinnigen Blick.