„Also ein Gansl bin ich?“ sagte sie unter mehrfachem leichten Kopfnicken. „Wissen Sie, daß das eine Beleidigung ist?“
Fritz gab keine Antwort. Er stand unbeweglich, wurde noch röter und aufgeregter, aber scheinbar ruhig, wie das seine Gewohnheit war, sah er dem unerwünschten Widerpart scharf und gerade in die Augen.
‚Sie schaut der Mutter ähnlich,‘ dachte er und fühlte dabei, wie der Zorn in ihm zu kochen begann, weil sie’s wagte, ihn zur Rede zu stellen. Da sie ein bitterböses Gesicht aufgesetzt hatte und das verräterische Zucken der lachlustigen Mundwinkel, so gut es ging, unterdrückte, nahm er ihre strenge Frage für blutigen Ernst, glaubte in eine demütigende Lage hineingeraten zu sein und ärgerte sich über seinen Mangel an Schlagfertigkeit, der ihm keine schneidige Entgegnung finden ließ.
„Eine ungerechtfertigte Beleidigung!“ bekräftigte Heinz.
„Und für die müssen Sie Abbitte leisten!“ forderte der entsetzliche Backfisch resolut und hielt dem geraden, feindseligen Blick des Gequälten tapfer die blauen Augen entgegen.
Hellwig schwieg. Von den hohen Büchergestellen funkelten in Goldschrift die erlauchten Namen der Geistesriesen, schienen des ratlosen Menschleins an der Wand zu spotten. Immer stärker brodelte es in ihm, und Wart, der ihn unausgesetzt beobachtete, hielt es für ratsam, einzulenken. Er blinzelte seiner Schwester zu, die aber gab nichts darauf, ließ sich von ihrem jungen Ungestüm fortreißen und rief befehlend, mit schräg abwärts gestrecktem Arm und Zeigefinger: „Abbitten! Nun?“
Da fuhr auch schon Hellwigs Wort wie ein Keulenschlag nieder: „Gesagt ist gesagt und Gansl bleibt Gansl! Man hört’s am Schnattern!“
Das klang grob, herausfordernd und wirklich verletzend. Nun war’s, als hätte eine ungeschlachte Hand mit einemmal alle kindliche Heiterkeit aus dem hübschen Gesicht fortgewischt. In die blanken Augen kam ein feuchter Schimmer. „Pfui, Sie sind roh!“ sagte Eva Wart, kehrte dem klotzigen Gesellen energisch den Rücken, und ehe noch der Bruder vermittelnd eingreifen konnte, hatte sie schon das Zimmer verlassen.
Fritz sah ihr nach und wunderte sich, wie hoch so ein dicker Zopf fliegen und wie goldähnlich seine Spitze leuchten konnte. Ihm war keineswegs wohl ums Herz. Er verwünschte seine ungefügen Manieren, aber auch das naseweise Ding, das ihm mit solcher Anmaßung entgegengetreten war. Keinen Augenblick dachte er daran, daß er eigentlich ein Spaßverderber war. Denn er hatte kein Verständnis für tändelnde Scheingefechte, und seiner gärenden Jugend fehlte noch vollständig der Humor, zumal sie zu wenig sonnig gewesen und die gefühlsduselige Empfindlichkeit der fortwährend unglücklichen Mutter gerade aus den nichtigsten Ereignissen einen Grund zum Jammern herauszuholen pflegte.
Vergebens suchte ihm Heinz die Sache von der harmlosen Seite darzustellen, mit beruhigenden Worten und vorsichtigem Tadel über seine Rauhbeinigkeit. Fritz wollte nichts hören, haderte mit ihm, daß er ihn in diese Lage gebracht, und lief endlich grollend davon.