Inzwischen hatte Eva mit sprühenden Augen und lebhafter Entrüstung ihrer Mutter den Vorfall erzählt. Frau Hedwig nahm ihr temperamentvolles Kind in die Arme und klopfte ihm begütigend die erhitzte Wange.

„Nimm’s nicht tragisch, Mädl!“ sagte sie. „Jungens sind einmal nicht anders.“

„Ich lass’ mir das aber nicht gefallen!“ rief die Kleine stürmisch. „Er muß sich entschuldigen!“

„Das muß er nicht!“ erwiderte die Mutter mit freundlichem Ernst. „Denn auch du bist nicht ganz schuldlos, Eva. Was hast du bei Heinz oben zu suchen gehabt?“

„Ich war halt so neugierig,“ gestand die noch nicht Fünfzehnjährige verschämt.

„Und warst keck und vorwitzig. Siehst du, da hast du eben gleich deine Strafe wegbekommen.“

„Du nimmst ihn noch in Schutz ...“ murmelte das Mädchen vorwurfsvoll und konnte die locker sitzenden Tränen nicht länger zurückhalten.

„Das tu’ ich nicht, Kind. Ich will nur sagen, daß ihr beide im Unrecht wart. Aber auch wenn er allein schuld hätte, dürftest du keine Abbitte von ihm verlangen. Es ist unedel, seinen Beleidiger zu demütigen. Da weiß ich eine vornehmere Rache.“

„Was denn? Sag’s doch!“ drängte Eva ungeduldig, als Frau Wart eine Pause machte und ihr die wirren Haare aus der Stirn strich.

Ihre Gesichter waren jetzt dicht nebeneinander. Die Frau saß in der Erkernische beim Nähtisch, das Mädchen lehnte neben ihr, den Arm hinter der Stuhllehne um die Mutter gelegt, und schaute sie erwartungsvoll an. Die Ähnlichkeit zwischen beiden war nicht zu verkennen. Dieselbe glatte, ein wenig niedrige, aber fein geformte Stirn, dieselben klaren blauen Augen neben einer geraden, an der Spitze leicht abgeflachten Nase, dieselben sacht geschwungenen Lippen über einem rundlichen Kinn. Aber während bei Eva die Züge noch weich, nur erst angedeutet oder noch verhüllt waren von dem Pfirsichflaum einer zarten Kindlichkeit, traten sie in Frau Hedwigs Antlitz bestimmter hervor, waren durch das Widerspiegeln eines sorgfältig geschulten Geistes in eine schöne Harmonie gebracht und von lauterster Menschenliebe überglänzt, vereinigten sie sich zu einem Gesamtausdruck jener Güte, von der da ein Sagen geht, daß sie alles verzeiht, weil sie alles begreift.