Frau Wart ließ ihr neugieriges Kind erst ein bißchen zappeln, ehe sie mit ihrem Plan herausrückte, der dahin zielte, den widerborstigen Jungen mit einem Weihnachtsgeschenk zu überraschen. Darauf wollte die Kleine anfangs durchaus nicht eingehen. Als jedoch die Mutter anregte: „Weißt, wir kaufen ihm ein paar Bücher, stecken einen Zettel hinein und schreiben darauf: ‚Vom Gansl und seiner Mutter‘, dann wird er sich schämen und doch freuen,“ da war das quecksilberne Ding auch schon Feuer und Flamme und brachte sofort eine Menge von Werken in Vorschlag:

„Schiller! Oder Geibel! Oder Scheffel! Nein? Also Baumbach! Freytag! Heyse!“ und so weiter alle Lieblinge der Pensionsliteratur. Da indessen die lächelnde Zuhörerin immer den Kopf schüttelte, hieß es gleich wieder unwillig: „So sag’ endlich auch du was!“ und der Schmollmund war fertig.

Aber schließlich fing sie doch wieder an, und endlich kam die Mutter auf das ‚Liebesleben in der Natur‘ von Boelsche. Das sei heiter und leicht und bringe manches Anregende, ohne eigentlich wissenschaftlich zu sein. Aber Fritz brauche nicht immer nur die ganz gedankenschweren Sachen zu lesen. Damit war die Kleine auch zufrieden, obwohl sie das Buch nicht kannte.

Und kaum waren sie im reinen, als sich die Zimmertür auftat. Geräuschvoll prustend und die frostroten Hände reibend, kam das Familienoberhaupt hereingestapft, schritt vorerst zum Ofen, wo es die Handflächen an den grünen Kacheln wärmte und machte dann beim Erker halt. Seine massige Gestalt mit den breiten Schultern füllte den schmalen Zugang beinah ganz.

„Nun, ihr Glucken!“ dröhnte seine tiefe Stimme und in allen Falten, Fältchen und Pölsterchen des bartüberwucherten vollen Gesichts saßen und lachten die fidelen Geister einer kreuzbraven Vergnügtheit. „Nun, ihr Glucken, was für ein Ei wird denn da wieder ausgebrütet?“

„Wer weit fragt, wird weit gewiesen, Nikl,“ kam die Gattin dem flinken Plauderzünglein der Tochter zuvor. Denn sie fürchtete, daß der bücherfeindliche Mann dem Kinde durch ein abfälliges Urteil die Freude verderben könnte.

Der gemütliche Bürger dachte an die nahe Weihnachtszeit und gab sich mit dem deutungsvollen Bescheid zufrieden. „Freilich, freilich,“ lachte er behaglich, „erwarten ist besser als erlaufen. Denn: mit Geduld hat die Katz’ den Schwartenmagen überwunden. Ich bin schon stad!“ Und dann unvermittelt abspringend: „Aber eine Kälte hat’s heut’, Leutln, daß die Schindelnägel krachen! Ich hab’ ein paar hundert Flaschen Krondorfer unterwegs, da wird mir die Hälfte zersprungen herkommen! ’s ist halt alleweil ein G’frett! — Hast nichts zum Essen, Mutter? Ich muß gleich wieder hinunter.“

Trotzdem Herr Wart auf seine Frage nach dem Gabelfrühstück täglich dieselbe Antwort erhielt: „Es steht schon auf deinem Schreibtisch!“, wäre es ihm niemals eingefallen, vom Laden unmittelbar in sein Arbeitszimmer zu gehen. Denn diese kurze Pause, diese flüchtige, meist auf wenig belanglose Worte beschränkte Unterhaltung mit seiner Frau war ihm Ausruhn, Erholung und geistige Stärkung für die weitere Vormittagsarbeit.

Heute aber wurde er noch nicht fortgelassen. Eva stellte sich in ihrer ganzen Größe vor ihm auf und sprach sehr ernsthaft: „Du, Vater, sag’, bin ich ein Gansl?“

Wart Nikl schaute die sonderbare Fragerin erst verdutzt an, dann bewegte er kräftig nickend das Haupt und rief aus einem unbändigen Gelächter heraus: „Und was für eins, Mädl! Und was für eins! So ein ganz ausgewachsenes! Das wär’ ein Bratl zu Martini gewesen!“ Und er kniff sein Herzblatt in die glatt gerundete Wange.