Die Kleine aber wandte mit einem unwilligen Ruck ihr Gesicht weg, fauchte wie ein Kätzchen, und auf der Suche nach einer schlagenden Widerlegung sagte sie zornig: „Ich — ich werd’ im August schon fünfzehn und — und die Fräuleins sagen alle, daß ich sehr gut lerne. Ja!“

Nun mußte auch Frau Hedwig lachen, und zum Unglück hob noch obendrein das kleinste Glöcklein im Turm des Franziskanerklosters zu läuten an.

„Hörst es?“ neckte da gleich der Vater, zum Fenster zeigend. „Hörst es, was die Glocke sagt? ‚Tu d’ Gäns’ ein! Tu d’ Gäns’ ein!‘ sagt sie. Komm, komm, ich muß dich in den Stall tun!“

Da hielt sich Eva die Ohren zu und wollte an ihrem Erzeuger vorüber aus dem Zimmer. Der aber fing sie in den ausgebreiteten Arm, drückte sie an sich und brachte mit Hilfe des untergelegten Zeigefingers ihr gesenktes Kinn in die Wagrechte. Und da sah er, daß die großen Kinderaugen voll Tränen waren. Sofort hörte der gutmütige Mann mit dem Gelächter auf und sagte ganz unruhig: „Aber geh, Ev, wirst doch nicht heulen? Fesch sein, Mädl! Spaß verstehn! — Wart’, ich werd’ dir jetzt auch erzählen, was die Glocken beim Begräbnis sagen. Alsdann: wenn so ein recht reicher Frommer zur ewigen Ruh’ gebracht wird, dann brummen die dicken großen Glocken immerzu: ‚Fünferbanknoten! Fünferbanknoten!‘ — Aber wenn sie einen armen Hascher hinausschaffen, dann belfert nur so ein kleines grantiges Glöckerl hinterher: ‚Klingl, glenkl, armer Schlenkl!‘“

Das trug der Nikl sehr wirkungsvoll vor. Die ‚Fünferbanknoten‘ sprach er dumpf und feierlich, legte die fleischige Hand auf den Magen und schaute scheinheilig zur Decke, wogegen bei dem raschen ‚Klingl, glenkl‘ seine Stimme in die krähendste Fistel überschnappte. Darüber mußte Eva lachen. Und als er sie noch auf die Schulter klopfte: „Laß gut sein, du bist schon recht!“, war sie wieder ganz versöhnt. Und weil sie wußte, daß er’s gern von ihr leiden mochte, zupfte sie ihn am rötlichen Bart. Nun schnappte er mit grimmigem Gesicht nach ihr, sie zog wie erschrocken die Hand zurück und lachte laut, die Mutter lachte mit und Wart Nikl ebenfalls, und die Fensterscheiben zitterten vor seines Basses Grundgewalt.

7.

Während es dem Mädchen mit Lachen und freundlicher Teilnahme leicht gemacht wurde, über den kleinen Vorfall wegzukommen, mußte Fritz wie immer allein damit fertig werden und fraß sich hiebei nur desto tiefer hinein in seinen Groll gegen die Frauen im allgemeinen und gegen die weiblichen Mitglieder des Hauses Wart im besonderen. Und seine Stimmung wurde keineswegs gebessert bei der Erinnerung, daß er wegen der dummen Geschichte nicht einmal dazu gekommen war, Heinz von der Beichte und dem Auftritt mit Pater Romanus Bericht zu erstatten.

Als er dies beim nächsten Zusammentreffen in den Gängen des Schulgebäudes nachholte, meinte Wart, daß er einen Unsinn begangen habe. „Unsinn oder Sinn!“ sagte Fritz darauf, „ich mußte einfach. Wir werden ja sehn, ob man heutzutage wirklich ohne Lüge nicht durchkommen kann!“

Da verkündete die Glocke hallend den Beginn des Nachmittagsunterrichts, die Studenten strömten in die Klassenzimmer, und die beiden Freunde mußten das Gespräch vorläufig abbrechen.

In der Oktava verlas der Klassenvorstand unter lautloser Stille das Ergebnis der am Vortage stattgehabten Monatskonferenz, verteilte die Strafzettel mit den Tadelsworten, den Rügen und Ermahnungen und fügte seine eigenen Bemerkungen hinzu. Die wiesen zwar in einigen besonders schweren Fällen drohend auf schärfere Maßnahmen und auf das Schreckgespenst eines Durchfallens bei der Reifeprüfung hin, klangen im übrigen jedoch recht sanft und tröstlich. Denn dem alten Herrn mit dem weißen Backenbart und den schon leise zittrigen Händen waren seine Jungen ans Herz gewachsen.