Name um Name wurde aufgerufen. Die Zettel wanderten in die Hände der Schüler, und wer einen bekam, sah trübselig drein, während mancher Schuldbewußte erleichtert aufatmete und sich freute, daß diesmal ein schon für unabwendbar gehaltenes Verhängnis doch noch gnädig vorübergegangen war. Schließlich blieb nur noch ein einziges Blatt übrig. Da stellte sich der Professor in Positur, machte ein bekümmertes Gesicht, so gut ihm das in Anbetracht seiner roten Wängelein und fröhlich zwinkernden Augen möglich war, und begann: „Leider, und ich bedaure das sehr, leider bin ich in die unangenehme Lage versetzt, auch einem meiner fleißigsten Schüler, von dem ich’s nicht erwartet hätte, mitteilen zu müssen, daß sein sittliches Verhalten nicht vollkommen einwandfrei ist. Fritz Hellwig ...!“
Der Aufgerufene erhob sich und trat aus der Bank vor.
„Fritz Hellwig, ich habe die betrübliche Pflicht, leider, Ihnen wegen Ihres sittlichen Betragens den Tadel der Konferenz aussprechen zu müssen, leider.“
Fritz nahm das weiße Blatt aus den Händen des Lehrers, verbeugte sich und ging auf seinen Platz zurück. Er dachte an Pater Romanus, fand die Strafe sehr mild und wunderte sich nur, warum der Pater erst davon gesprochen hatte, daß er den ganzen Vorfall vergessen wolle.
Mit diesem Gedanken beschäftigt, hörte er nur mit halbem Ohr hin, wie der Professor jetzt fortfuhr: „Nehmen wir uns also zusammen und folgen wir mit größerer Teilnahme dem Unterricht.“ Und erst als er etwas schärfer einsetzte: „Hellwig, ich spreche mit Ihnen!“, erhob dieser sich wieder und blickte ziemlich verständnislos. Nun kam der behäbige Mann vom Podium herab, stellte sich neben die Bank und sagte freundlich: „Wir sollen nicht so gleichgültig sein, namentlich im Griechischen. Herr Kollege Hermann hat sich beklagt, leider, daß wir seinem Vortrag gar nicht zuhören, sondern währenddessen leider immer zerstreut in allen Himmelsrichtungen herumschauen. Auch bei seinen Fragen melden wir uns niemals und bekunden mangelnde Teilnahme an besagtem Gegenstand, indem wir immer wie ein Haubenstock dasitzen, leider.“ Und mit gedämpfter Stimme fügte er hinzu: „Es hat nicht viel auf sich. Nur munterer sein, munterer!“ Dann trippelte er wieder zum Lehrpult zurück.
Fritz stand da, als hätte der Blitz vor ihm eingeschlagen, war kalkweiß und rührte sich nicht. Erst als der Professor fragte, ob ihm etwas fehle, bewegte er verneinend den Kopf und setzte sich. Sein Herz klopfte unregelmäßig, trieb das Blut bald in heftigen Stößen, bald matt und mühsam durch die Adern. Mit leeren Augen stierte er vor sich hin, war jetzt wirklich teilnahmslos und dachte nur immer das eine: daß ihm ein Unrecht geschehen sei. Gerade das Griechische war schon wegen Plato und Demosthenes sein Lieblingsgegenstand trotz des widerwärtigen, schwindsüchtig aussehenden Lehrers, der infolge einer Kehlkopfkrankheit fortwährend hustete und heiser sprach, als stäke ihm ein Schleimpfropfen in der Luftröhre. Auch hatte er die Eigenschaft, daß er beim Reden niemandem ins Gesicht, sondern mit hastenden Augen stets an der betreffenden Person unstet vorbeisah. Deshalb konnte er von anderen ebenfalls keinen offenen Blick vertragen, wurde unruhig und nervös, wenn er einen solchen auf sich gerichtet fühlte. Daher mochte er Hellwig nicht leiden, fand aber, weil dieser im Griechischen dank einer umfangreichen Privatlektüre sehr viel wußte, keine Handhabe, ihm irgendwie seine Abneigung fühlen zu lassen. Da hatte ihn Pater Romanus, der tödlich Gekränkte, mit ein paar achtlos hingeworfenen Worten auf das dehnbare Gebiet des sittlichen Betragens gewiesen und der Erfolg zeigte, wie gut der Jesuit seine Werkzeuge zu wählen verstand.
Davon ahnte Hellwig freilich nichts. Er hatte nur das Bewußtsein, daß der Tadel unverdient war. Denn wenn er auch nicht, wie die meisten anderen und namentlich Pichler, bei jeder Frage, auf die er Bescheid zu geben wußte, gleich mit der Hand in die Höhe fuhr, so konnte er sich doch mit ruhigem Gewissen sagen, daß er den Unterricht noch immer mit Aufmerksamkeit verfolgt hatte, stets bei der Sache gewesen und nur selten eine Antwort schuldig geblieben war.
Das Unglück wollte es, daß als nächste Lehrstunde das Griechische an die Reihe kam und Professor Hermann, durch Aufstehen von den Sitzen begrüßt, ins Schulzimmer trat. Auch Fritz erhob sich gewohnheitsmäßig mit. Als er jedoch das eingetrocknete gelbe Gesicht erblickte, da wallte zugleich mit einer siedenden Wut das kindische Verlangen in ihm auf, dem eklen Patron einen Tort anzutun und seiner Mißachtung sogleich irgendwie Ausdruck zu geben. Er verschränkte die Arme vor der Brust, warf den Kopf in den Nacken und sah den Professor herausfordernd an. In dieser Stellung verharrte er noch, als seine Mitschüler bereits wieder auf den Bänken saßen.
Da sprang der ausgelaugte, stangendürre Mensch mit einem gewaltigen Satz vom Podium herunter auf ihn zu: „Eh, eh, — wie stehn S’ da? Wie stehn S’ da?“
Fritz rührte sich nicht.