Das Gesicht des Lehrers war fahlgrün geworden. Pfeifend kam der Atem aus der kranken Kehle.
„Hinaus! Sie Frechling! Lausbub! Klassenbuch! Sittenrüge! Karzer! Hinaus! Hinaus!“ schrie, spuckte und hustete er und hieb mit der geballten Rechten immerfort auf die Bank unter allen Zeichen einer schweren Nervenüberreizung. Selbst als Hellwig das Zimmer verlassen hatte, konnte er sich nicht beruhigen. In seinem dicksohligen knarrenden Schuhwerk schritt er vor der Schultafel hin und her, fortwährend Worte wie „Frechheit!“, „Bube!“ zwischen den gelblichen Zähnen zerreibend, nahm dann das Klassenbuch aus der Pultlade und schrieb beinah eine Seite voll. Mit einem hämischen „So!“ klappte er endlich den grünen Deckel zu und begann ein wütendes Prüfen unter der verschüchterten Schülerschar, wobei er raunzend, räuspernd, hüstelnd eine ungenügende Note nach der andern in seinen Handkatalog eintrug. Und niemand fand heute vor dem Verärgerten Gnade.
Fritz mußte inzwischen im Korridor das Ende der Stunde abwarten. Er lehnte sich in eine der tiefen Fensternischen und blickte durch die eisernen Gitterstäbe in den Hof, der von zweistöckigen Gebäuden eingeschlossen, unter der Aufsicht vieler schnurgerade ausgerichteter Fensteraugen trübselig im Schatten lag, als schämte er sich seiner Dürftigkeit. Wehmütig streckte ein verkrüppelter Roßkastanienbaum die beschneiten Äste nach dem Stücklein Himmel über den geflickten Ziegeldächern, eine hungrige Dohle saß in seiner Krone, ließ den starken Schnabel hängen und fror.
Die Glieder schlaff, den Kopf gesenkt, drückte Hellwig die Achsel gegen das kalte Gemäuer. Aller Lebensmut war ihm zerbrochen, und in sein steinstarres Antlitz meißelte tiefe und immer tiefere Furchen ein ungeheurer Schmerz. Er hatte zum erstenmal im Leben die Ungerechtigkeit kennengelernt. Und da war ihm, als sei der feste Boden unter seinen Füßen weggezogen worden, als wankten alle Grundpfeiler der Ordnung, stürzten hin und lägen begraben unter dem hereinbrechenden Chaos.
Es war ihm so klar gewesen bisher als die erste und einfachste sittliche Forderung: Das Recht des Nebenmenschen wahren wie sein eigenes, als geheiligtes, unantastbares Gut. Und jetzt? Da stand er, und ein Unrecht war ihm geschehen, und er hatte kein Mittel, gegen den Übeltäter aufzutreten, es sei denn die rohe Kraft der Muskeln. Und statt, daß er und alle andern mit ihm wie ein Mann sich erhoben, den Beflecker des Rechts zu züchtigen, blieben sie untätig, als dieser dem ersten Verbrechen das zweite hinzufügte. Und wenn auch einige die Unbill verurteilten, so schien sie ihnen doch zu geringfügig, um viel Aufhebens davon zu machen. Aber gab es denn hier überhaupt eine Geringfügigkeit? Jede Beleidigung Gottes, und wäre sie noch so klein, sollte schwerste Missetat sein und die gröbliche Verletzung eines ersten Sittengesetzes Bagatelle? Und jetzt empfand er auch Scham über sein unwürdiges Benehmen. Wie zu einem heiligen Krieg hätte er ausziehen, hätte glühend für das gelästerte Menschengut in die Schranken treten müssen, ohne der eigenen Kränkung zu gedenken. Statt dessen hatte er in einer großen Sache klein und jämmerlich, so recht wie ein geprügelter Knabe gehandelt. Das machte ihn verzagt und schwunglos, drückte nieder und beraubte ihn der Kraft zum entschiedenen Eintreten für seine Schuldlosigkeit. Und als die Stunde vorüber war und als er an Professor Hermann vorbei in das Schulzimmer ging, da senkte er, wiederum zum erstenmal im Leben, schuldbewußt den Kopf.
8.
Den nächsten Tag begannen bereits die Weihnachtsferien, die solcherart für Hellwig und für seine Mutter keineswegs freundlich eingeleitet wurden. Er hatte ihr gleich nach seiner Heimkunft den Tadelszettel auf den Küchentisch gelegt: „Da, unterschreib den Wisch!“ Sie las ihn bedächtig vom Anfang bis zum Ende und fing sofort ein Weinen an und ein Zanken, ohne den Sohn nach der Ursache der Maßregelung zu fragen. Denn daß er sie verdiente und schuldig war, dafür war ihr das mit dem Schulsiegel und der Unterschrift des Direktors versehene Blatt todsicherer Beweis.
Fritz versuchte nicht einmal, sich zu verteidigen. Es wäre auch ein vergebliches Bemühen gewesen, ihren Glauben an die Behörden und an geschriebene Amtsurkunden erschüttern zu wollen.
Als sie endlich mit dünnen unbehilflichen Volksschülerbuchstaben ihren Namen auf den Zettel gemalt hatte, packte er ihn mitsamt den Schulbüchern zusammen und ging in seine Stube. Dort fand er auf seinem Tisch ein Postpaket vor. Überrascht öffnete er es; drei schön gebundene Bücher fielen ihm in die Hände. Zwischen den Blättern des einen stak ein Briefumschlag. Darin war eine Karte. ‚Fröhliche Weihnachten‘ stand auf der einen Seite und auf der anderen ‚wünschen das Gansl und seine Mutter‘.
Mit einem Fluch ließ Hellwig die Faust auf den Tisch fallen. Unter zusammengezogenen Brauen funkelte der Zorn. Als Fopperei erschien ihm die Sendung, als Zudringlichkeit und neue Beleidigung. Er hatte Frau Wart niemals Grund zu einer solchen Vertraulichkeit gegeben, hatte jeden Versuch schroff abgelehnt. Und nun kam sie ihm so. Denn, daß der Plan von ihr ausgegangen, darauf hätte er Stein und Bein geschworen. Schon schickte er sich an, die Bücher wieder einzupacken, schon schien es, als ob Frau Hedwigs gute Saat nutzlos ausgestreut wäre. Da glänzte ihm aus dem aufgeschlagenen Band der Name Darwin entgegen. Angeregt las er den Satz, stutzte, las weiter.