Und als der Nachtwächter morgens im winterlichen Dunkel der Gassen den Ruf anstimmte:
„Hausmagd, steh auf, heiz’ ein, kehr’ aus,
Trag ’n Bedarf Wasser ins Haus!“,
da war Fritz Hellwig richtig mit den leichten Plaudereien so ziemlich fertig geworden.
Dadurch hatte er sich das Geschenk unfreiwillig angeeignet und die Rückgabe unmöglich gemacht. Es hatte ihm nicht sonderlich gefallen. Zu spielerisch, zu tändelnd und oberflächlich war es ihm. Und doch saß er und träumte mit leuchtenden Augen in das Dunkel hinaus. Träumte vom Frühling und Blütentreiben mit seltsam bewegtem Herzen, das wehmütig und sonnig war, erwartungsfreudig und voll von tausend unsichtbaren, heimlich pochenden Kräften wie ein Vogelnest zur Brutzeit. Erschauernd wurde er seiner werdenden Mannheit inne, mit einer leisen, scheuen Sehnsucht nach dem Weibe. Rein und ohne noch zum Verlangen sich zu verdichten, war diese Sehnsucht einer jungen Blüte gleich, die kaum entfaltet zum erstenmal dem Lichte entgegenblickt. Und der Atem der Liebe machte ihn sanft und gütig und erfüllte ihn mit einer innig warmen Verehrung für das Weib als einen heiligen Brunnen, in dessen klarer Tiefe Anfang und Ende aller Menschwerdung in sich beschlossen ruht. Und neidlos und ohne Vergleiche empfand er jetzt eine aufrichtige Dankbarkeit für die mütterliche Frau, die ihm einen Freund geschenkt und jetzt diese Weihnacht des Herzens bereitet hatte.
So wurde eine Wandlung seiner Seele wohl angebahnt, aber im kalten Licht des Tages regte sich wieder der alte Trotz.
Damit er nicht zu Heinz gehen mußte oder Gefahr lief, von ihm abgeholt zu werden, machte er sich gleich nach dem Frühstück auf den Weg, um Pichler in seinem Heimatsdorf aufzusuchen, das drei Stunden von Neuberg entfernt, schon an der bayrischen Grenze lag.
Dort hatte der Küster und Kirchendiener Pichler ein gemauertes Hüttlein inne, das wie ein Schwalbennest an einer schlanktürmigen Kirche klebte und außer für zwei Wohngelasse nur noch für eine Vorratskammer und den Kuhstall Raum bot. Hellwig fand den Kameraden in der großen Stube, wo hinter dem überlebensgroßen Kachelofen zwei Turteltauben gurrten und links davon unter dem Geschirrschrank die Hühner in ihrer rot angestrichenen Steige hockten. Auf der Holzbank aber, die sich längs aller Wände um die Stube zog, saßen verteilt sechs junge Menschenkinder. Die älteren Buben banden Birkenreiser, die, am Barbaratag geschnitten und ins Wasser gesteckt, nunmehr grüne Triebe hatten, mit roten und blauen Bändern zu Ruten, mit denen sie am zweiten Feiertag die Dirnen peitschen wollten. Und um sich zu vergewissern, ob sie das Sprüchlein noch wüßten, sprachen sie manchmal halblaut vor sich hin: „Frische, frische Krone, ich peitsch’ dich nicht um Lohne, ich peitsch’ dich nur aus Höflichkeit, dir und mir zur Gesundheit!“
Beim Ofen wirtschaftete mit nackten Armen eine siebente, wenig jüngere als Otto, in Töpfen und Schüsseln herum, und unter all der regsamen Jugend saß dieser selbst, der einzige Dunkelhaarige, schnitt mit der Schere Engel, Hirten und Lämmer aus einem Bilderbogen und steckte sie neben die heilige Familie und die drei Könige aus dem Morgenlande in den Moosboden der aus Pappendeckel gefertigten Krippe.
Als Hellwig die strohgefütterte Tür öffnete, schwieg das Summen und Tönen, die geschäftigen Hände ruhten und vierzehn helle Augen starrten neugierig auf den Ankömmling, der mit Reif und Schnee zugleich eine frische Winterluft in die dumpfig warme Stube brachte. Anfangs waren sie schüchtern und sahen zu, wie der älteste Bruder in seiner lauten Weise den Freund begrüßte. Bald aber schoben sich die kleineren, die schmutzigen Mittelfinger im Mund oder Nasenloch, näher heran, glucksten und umschlichen im Kreis den Fremdling. Da hob Fritz eine kaum Vierjährige mit beiden Armen hoch über seinen Kopf, daß sie fast an den braunen Deckenbalken stieß. Und nun wollten auch die andern Fibelschützen nicht um diesen Genuß kommen, drängten und stießen sich, kicherten, und als Otto mit den geflochtenen Weihnachtsstriezeln und einer Flasche Kümmelschnaps aus der Vorratskammer zurückkehrte, lehnten sie bereits, links zwei Männlein, rechts zwei Weiblein, alle unter zehn Jahren, an den Knien des Gastes, der beim Eßtisch saß, und guckten scheu-zutraulich wie junge Hunde von der Seite nach seinem Gesicht hinauf. Die zwei älteren Burschen flochten leise pfeifend an ihren Ruten weiter, und die Siebzehnjährige beim Ofen, die nach dem Tode der Küsterin das Haus versehen mußte, hantierte mit ihren Kochgeräten und bemühte sich jetzt, möglichst wenig Lärm zu machen.