Hellwig aber war Kind mit den Kindern, und Otto gewahrte mit wachsendem Staunen, wie viel harmlose Heiterkeit und genügsamer Frohsinn diesem spröden, widerspenstigen Charakter eingemischt war. Er lachte und trieb Tollheiten, sprach Schnellsagesätze vor — „hinter Hansens Hundshütten hängen hundert Hundshäut’“ — und erzählte den Auflauschenden von der versunkenen Stadt im Tillenberg, von der Sturmmutter Melusine und dem Hehmann im Franzensbader Moor.

Dann kam der Küster nach Hause, ein schneiderdürres Männchen mit spitziger Nase, spitzigem Kinn und einem spitzigen grauen Ziegenbart darunter, und brachte in einem Netz zwei schöne Spiegelkarpfen, ein Geschenk aus dem Fischteich seines Pfarrherrn. Im Nu war er von der Schar seiner Sprößlinge umringt, und in dem Gewoge blonder Köpfe und greifend emporgestreckter Hände schwankte sein kümmerliches Gestaltchen wie der Mast eines steuerlosen Kutters in sonnenüberfunkelten Wellen.

Endlich gelang es der ältesten, das Fischnetz zu fassen und mit hochgehaltenen Armen aus dem Bereich der neugierigen Finger zu bringen. Aber immer wieder bettelten die Kleinen: „Zeig’ doch einmal her! Ich möcht’ mir die Viecher ja nur anschaun!“, hingen sich an ihren Rock und suchten den Arm der Schwester im Sprung zu erhaschen und niederzuziehen. Scheltend wehrte sie dem Ansturm, machte sich mit einem kräftigen Ruck frei, und nun flog die ganze leuchtende Wolke von Gesundheit und Jugendkraft zur Anrichtbank beim Ofen, während das Küsterlein den Schnee von den Röhrenstiefeln stampfte und den Gast bewillkommte. Doch hielt es sich nicht lang dabei auf, sondern verlangte gleich nach dem Mittagessen.

Bald saßen um eine einzige gewaltige Schüssel dampfender Milchsuppe mit Schwarzbroteinlage alle außer der ältesten Tochter, die sich Abbruch tat und den Magen bis zum Aufleuchten der ersten Sterne leer behalten wollte, um dann sicher das goldene Meerschweinchen über die Zimmerdecke laufen zu sehen. Das Fasten wurde ihr gar nicht leicht, und man merkte ihr an, daß sie gern mitgehalten hätte, als nun alle ihre Löffel in die dickliche Flüssigkeit versenkten, auch Fritz, der die Gastehre eines eigenen Tellers rundweg ausgeschlagen hatte. Die Kinder aßen noch ungeschickt, mit schmatzenden Lippen und hastigen Gebärden, indes die zwei halbwüchsigen Rutenbinder langsam, ernst und mit einer Gründlichkeit dem Nahrungsgeschäft oblagen, daß ihnen der Schweiß auf die Stirnen trat.

Ganz gegen seine sonstige Gepflogenheit sprach Otto nicht viel. Verdrießlich zupfte er an seinem sprossenden Schnurrbärtlein und war unzufrieden mit Hellwigs Besuch, trotzdem er ihn dringend darum gebeten. Er hatte sich’s eben ganz anders vorgestellt, ein ungestörtes Beisammensein mit dem Freunde, wobei ihm Gelegenheit geboten war, seine Geistesblitze flammen zu lassen. Vor den Geschwistern aber oder gar vor dem Vater getraute er sich nicht mit hohen Themen anzufangen, da er selten von der Leber weg sprach, sondern mit Vorbedacht je nach der Zuhörerschaft Gegenstände auswählte, mit denen er zu blenden hoffte. Das war jedoch beim Küster so gut wie ausgeschlossen. Der ließ sich von niemandem ein X für ein U vormachen und hatte für die oft gewagten Behauptungen seines ältesten noch immer einen tüchtigen Trumpf bei der Hand gehabt. Alle Versuche aber, Fritz von den Angehörigen abzusondern und in die kleine Stube zu lotsen, scheiterten an dem rückhaltlosen Behagen, mit dem sich dieser den Kindern überließ, und an seiner hellen Freude über die ihm bisher unbekannte Traulichkeit eines quellwasserfrischen Familienlebens.

So kam es, daß der Küster fast allein die Unterhaltung besorgte. Das bewegliche Greislein hatte sich trotz Armut und Kindersorgen den Humor nicht abhanden kommen lassen und trug sein Los mit heiterer Zufriedenheit.

„Sie müssen halt fürlieb nehmen,“ sagte er zu Fritz. „Was Extra’s ist’s nicht. Wir machen eben unsere Schrittlein und essen unsere Schnittlein, so gut wir können. Langen Sie zu, wenn’s Ihnen schmeckt, oder hören Sie auf, wenn Sie genug haben. Immer tüchtig! Tüchtig! Wie man sich zum Essen hat, so hat man sich auch zur Arbeit. Schaun Sie unsern Christoph an,“ — er deutete mit dem Kinn zu einem der Rutenbinder hinüber — „wie schön faul der einführt. Der war auch in der Stadt im Gymnasium, er hat studiert bis zum Hals, in den Kopf ist nichts hineingegangen.“

Der Christoph ließ ein unwilliges Grunzen hören, aß aber unentwegt gemächlich weiter.

„Da schaut den an!“ fuhr der Vater fort. „Der ist gar ein Philosoph. Recht hast, Toffl, schweig und näh’ dich an und denk: Wenn man auf alle Hund’ werfen wollt’, die einen anbellen, müßt’ man viel Steine aufheben. Ob du ein Studierter bist oder nicht, ist egal. Unser Herrgott verläßt keinen Deutschen, wenn er nur ein wenig Böhmisch kann!“ Und er lachte über den Witz, daß er mit dem Essen innehalten mußte.

Viel zu rasch nahte für Hellwig die Stunde des Heimwegs, wollte er die Mutter nicht mit dem Anzünden des Christbaums warten lassen. Er gab allen der Reihe nach die Hand und mußte versprechen, bald wiederzukommen. Otto begleitete ihn ein Stück und brachte jetzt das Gespräch natürlich zuerst auf die Vorkommnisse in der griechischen Stunde. Fritz war indes nicht in der Stimmung, darüber zu reden. Nur als Pichler sagte: „Du hast’s dem hustenden Schleicher gut gegeben, das war großartig!“, wehrte er kurz ab, mit gefurchter Stirn: „Laß mich in Ruh’!“ Aber er blieb ganz kalt dabei. Wie in eine weite Ferne gerückt kam ihm das Ereignis vor. Denn dazwischen war die Auferstehung der Liebe und der erkennende Blick in unschuldige Kinderaugen.