Otto suchte nunmehr seine neuesten Schlager an den Mann zu bringen, die Ausbeute einer flüchtigen Beschäftigung mit Stirners Hauptwerk. Doch auch damit weckte er heute keinen Widerhall. Fritz hörte nur mit halbem Ohr hin, und Pichler sah seine geistreichsten Paradoxa wirkungslos verpuffen. Da verlor er die Lust zur Fortsetzung des Feuerwerks und kehrte um.

Fritz aber bog jetzt von der Straße ab und schritt weglos in das stille, klare Winterland hinein. Weiß, weich und schimmernd breitete sich der Schnee, ein stolzer Fürstenmantel für die Berge, eine warme Schlafdecke für die müden Fluren, machte den Schritt lautlos, das Auge hell und freundlich den Tod, der auf kahlen Ästen mit vergessenen welken Blättern spielte und in verlassenen Vogelnestern kauerte. Und vor der weiten, toten Einsamkeit war der Himmel erschauernd hoch hinauf zurückgewichen. Vergeblich strebte die Sonne den kalten Leib der Erde in ihre Arme zu nehmen wie damals im Frühling. Kaum, daß sie den fühllosen noch streicheln und mit ein paar funkelnden Edelsteinen schmücken konnte.

Fühllos und tot?

Wie viele mochten jetzt, im gleichen Augenblick, gerade so wie der hagere Junge, mit wachen Sinnen und heißem Herzen über öde Flächen wandern und durch Frost und Eis und Winterstarrheit unbewußt dem Endzweck ihres kurzen Daseins entgegengetrieben werden, der da ist: Träger, Übertrager des Lebens zu sein. Liebe nennen sie’s und sind glücklich dabei. Glücklich wie irrfahrende Schiffer, die endlich Land gefunden. Land: das heißt fester Boden, Herd, Weib, Kind und — ein Fleckchen zum Grab. Was sonst noch drum und dran hängt: Religion, Gemeinwohl, Kunst, Kultur, ist gute Zier und erfreuendes Spiel, nicht mehr. Und über die Grube des bewunderten Künstlers und des geistesgewaltigen Denkers, des Länder einenden Staatsmannes wie des schwärmerischen Religionsstifters schreitet mit schweren Schuhen rücksichtslos und lachend in derber, rotbackiger Daseinslust mit seinem Schatz der junge Bauernbursch, ein Kaiser gegen die großen Toten, nur weil er lebt.

Und der jetzt weiter und weiter in die Einsamkeit lief, Fritz Hellwig, der ernste Grübler und Sucher, hatte das gleiche Empfinden. Wohl konnte er sich nicht erklären, was das war und woher es kam. Aber es war da, hielt ihn fest und stieß ihn vorwärts wie Sprungfedern. Er sah den blauen Himmel und nickte ihm zu, er sah den saubern Schnee der Erde und warf sich längelang hinein, wälzte sich darin in toller, zweckloser Freude, sprang wieder auf und rannte mit wilden Jubelschreien weiter, dachte an nichts und wollte an nichts denken. Er fühlte nur, daß er lebte und daß das Leben schön war, schön und reich und verheißend — wie die Geschenke gütiger Frauen oder die Augen junger Mädchen. Weder an Frau Wart noch an Eva dachte er dabei, nur ganz umrißlos schwebte ihm die Erscheinung eines wunderherrlichen Weibes vor mit blonden Haaren, freiem Blick und beglückender Anmut im Wesen und Bewegen.

Da drang ein sanftes Blöken an sein Ohr und wie er aus seinem Taumel erwachte, und wie er näher hinschaute, bemerkte er mitten im Walde, durch unregelmäßige Zwischenräume getrennt, mit Reisig zugedeckt und mit zartem Heu und Nadelholzknospen als Köder darüber, drei tiefe Gruben, die ein schlauer Wilderer den Jagdtieren gegraben hatte. Und noch eine vierte war da, bei der war das leichte Deckwerk eingebrochen. Mit weitem Schlunde gähnte sie dunkel aus dem weißen Schnee herauf und darinnen stand ein rötlichgraues Rehkalb, schrie und schlug mit den Vorderbeinen immer wieder nach dem Rand der Grube. Aber es erreichte ihn nicht, zitterte und fürchtete sich sehr.

Fritz legte sich platt auf die Erde, griff das Viehlein behutsam mit flachen Händen beiderseits der Brust und hob das zappelnde heraus. Jetzt war es auf ebenem Grund und sollte davonlaufen. Aber es tat nur kurze Sprünge, humpelte unbehilflich und zog den einen Fuß hoch. Nun sah er, daß es dort einen offenen Schaden hatte vom Sturz in die Falle, vielleicht auch einen Sehnenriß oder Bruch. Da nahm er das ganz junge, magere Geschöpf vom Boden und trug’s auf seinen Armen zum Forsthaus an der Straße. Und wie er so dahinschritt unter den stillen runden Kiefernkronen, wußte er auch, was er damit tun wollte.

Er sprach mit dem Förster, forderte und erhielt das Tierchen um ein billiges Geld. Denn es war nicht mehr waldtüchtig und für den Markt noch zu dürftig an Fleisch und Fell. Nach geschlossenem Handel strich der Weidmann eine Salbe auf die wunde Stelle und legte einen Leinenstreifen darüber, die Försterin aber tat noch ein übriges, nahm das rote Bändlein aus den Locken ihrer Siebenjährigen und knüpfte es dem Tier um den Hals.

Mittlerweile war die Sonne untergegangen. Aber der Schnee leuchtete, und alle Gegenstände waren nahe gerückt und standen in einer ruhevollen Halbhelle wie Wächter vor einem schönen Geheimnis. Über den Saum des Horizonts kam ein großer Stern herauf, strahlte und winkte der Erde: ‚Komm zu mir, ich bin deiner Rätsel Lösung‘. Doch die Erde, stolz, leuchtend in reiner Klarheit, winkte zurück: ‚Komm du und erkenn’ in meinem Spiegel deines Wesens Art‘.

Mit seiner atmenden Last ging Fritz rasch vorwärts. Niemand begegnete ihm. Von den Dörfern, die rechts und links der Straße bis zu den Bergen hinüber allenthalben in den Fluren verstreut lagen, blinkte gelber Lichtschein aus jedem Fenster. Alle Menschen waren schon daheim und rüsteten sich für die Ankunft des Herrn.