Fast ohne Biegung lief die Straße nunmehr, von hohen Pappeln begleitet, eine sachte Lehne hinauf, und da sie sich oben gleich wieder abwärts senkte, schien es dem Hinanschreitenden, als endigte sie gerade vor dem riesigen Himmelstor, dessen dunkelblauer Stahl, mit silbernen Sternennägeln beschlagen, den Raum von der Unendlichkeit schied.
Breit, schwer, gewaltig ragte es senkrecht auf, für immerwährende Zeiten geschmiedet und geeignet, dem brüllenden Ansturm der Ewigkeiten von drüben wie dem Zuflattern der bang fragenden Seelen von hüben unverrückbar und gelassen standzuhalten. Und da schien es Hellwig, als sei das heiße, pochende Leben irgendwo weit zurückgeblieben, und vor der Majestät des Schweigens, das machtvoll aufgerichtet ihm entgegen stand, fühlte er zum erstenmal das Grauen vor der Einsamkeit, die ihn zu würgen begann, während sie ihm sonst Freundin und Trösterin gewesen. Mit schleppenden Schritten ging er weiter. Eine schnürende Beklemmung engte ihm die Brust, und ihm war, als hätte er allen Zusammenhang mit der Erde verloren.
Endlich war er oben. Und der Himmel war mit einem Male hoch und fern, und vor ihm breitete sich das weite weiße Tal im Mondglanz wie in einem leise wallenden, ganz durchsichtigen See, und die Lichter von Neuberg grüßten freundlich. Ganz deutlich sah er den Kirchturm, die feurige Scheibe der Rathausuhr, das alte hochgiebelige Haus am Marktplatz. Ein Fenster schien dort besonders hell. Und im Rahmen zwischen den geöffneten Flügeln stand eine schlanke junge Gestalt in knappem Kleid mit rotem Gürtelband, winkte — und winkte ihn ins Leben zurück.
Trugbild der Mondnacht.
Aber jetzt gab’s kein Halten mehr. In langen Sätzen sprang er den Abhang hinab. Das warme Geschöpf auf seinen Armen regte sich unruhig, hob den Kopf und schrie kläglich. Er kümmerte sich nicht darum, blickte nur nach dem leuchtenden Fenster hinüber und glaubte in alle Herrlichkeiten der Erde zu schauen. Dann erlosch das Schimmern, Gassen schoben sich dazwischen, er hastete hindurch und fand sich — er wußte nicht, wie er hingeraten — mit seinem Rehkalb plötzlich im dämmrigen Flur des Kaufmannshauses.
Das laute Dröhnen seiner Stiefel auf der Treppe ernüchterte ihn. Er fuhr zusammen, blieb stehen, besann sich. Das Tierchen blökte immerfort. Seine rauhe Stimme füllte hallend die gewölbten Gänge. Erschrocken legte er ihm die Hand auf die Schnauze und wollte zurück. Das ging jedoch nicht mehr. Denn das Weib des Hausdieners stand, durch das Geschrei herausgelockt, bereits unten auf der Stiege.
„Gehen Sie nur hinauf, Herr Hellwig,“ sagte sie, als sie ihn erkannte. „Die Herrschaften sind alle zu Haus.“ Da mußte er vorwärts.
Das Rehlein spektakelte unaufhörlich. Als er bereits im ersten Stock war, fiel ihm ein, daß er ja sein lungentüchtiges Angebinde beim Auflader abgeben könnte. Das war wie eine Erlösung. Aber es mußte beim Vorsatz bleiben. Die Wohnungstür tat sich auf, neugierig steckte die kleine Eva Wart den blonden Kopf heraus. Nun durchfuhr es ihn wie den Soldaten der Befehl. Auf gestrafften Beinen stand er kerzengerade und hielt den Nacken steif. Unter den gefalteten Brauen blickten die Augen wieder feindselig auf das Mädchen, von dem er sich noch vor kurzem im Geiste die Pforten des Lebens hatte öffnen lassen.
Das Rehkalb blökte noch immer.
Eva war nicht weniger rot als Hellwig. Kleinlaut schob sie sich durch den Türspalt, hatte die Wimpern gesenkt und spielte mit dem Ende ihres dicken Zopfs, der sich über ihre Schultern nach vorn verirrt hatte. Keine Spur mehr von Übermut und Reschheit, wie sie sie vor ein paar Tagen im Dachzimmer gezeigt. Die Ermahnungen der Mutter machten sie schuldbewußt und befangen.