Aus dem eigenmächtigen Fernbleiben von den religiösen Übungen erwuchsen Hellwig übrigens fürs erste keinerlei Verdrießlichkeiten. Denn Pater Romanus übte in den oberen Klassen keine Überwachung durch Namenaufruf, sondern fragte lediglich ein paarmal im Jahre seine Schüler, ob sie auch stets der Sonntagsmesse beiwohnten. Wer gefehlt habe, solle sich melden. Durch dieses Vorgehen wollte er dartun, daß keine Spur von Mißtrauen gegen die Wahrheitsliebe seiner Zöglinge in ihm sei. Doch hatte er eine eigene Überwachung auch gar nicht nötig, da seine zahlreichen Verehrerinnen eine solche aufs trefflichste besorgten, indem sie bald klagend bald Hilfe heischend ihren Beichtiger hinsichtlich des Verhaltens seiner Schüler fortwährend auf dem laufenden hielten. Das wußten die schlauen Jungen ganz gut und hüteten sich, ohne triftigen Entschuldigungsgrund eine vorgeschriebene Andachtsübung zu versäumen. Auf Hellwig, dessen Mutter mindestens einmal im Monat beichten ging, hatte Pater Romanus schon längst ein scharfes Auge, weil hier wieder einmal ein Schäflein vom rechten Weg abirren wollte. Aber er hielt die Zeit seines Einschreitens noch nicht für gekommen.

Die übrigen Professoren, außer einem, hatten den stillen Jüngling gern, der stets aufmerksam und in sich gekehrt dasaß, keinen Sittenpunkt in ihren Katalogen aufwies und mit zähem Fleiß seinen Platz unter den mittelmäßigen Schülern behauptete. Sie schätzten seine gründliche Arbeit, und sogar dem Klassenersten Otto Pichler wurde er manchmal als Muster hingestellt.

Der war das gerade Gegenteil von Hellwig, lachte sich, ein kecker Draufgänger, in alle Herzen hinein, stieg unverfroren den Backfischen nach und rauchte heimlich seine Pfeife. Er lernte leicht und mühelos, war ein ebenso guter Turner wie Rechner, Schlittschuhläufer wie Lateiner und hielt sich, über alle Tiefen wegtänzelnd, mit prächtigem Leichtsinn immer an der Oberfläche des Lebens. Seine Mitschüler räumten ihm wie selbstverständlich eine führende Stellung ein, für die kleineren Studenten war er ein bewunderter Halbgott und in dem unschuldigen Tagebuch mancher Fünfzehnjährigen prangte sein Name als der des endlich gefundenen Ideals. Seine frischroten Wangen und der anziehende Gegensatz, in dem die lustigen Blauaugen zu den dunkelbraunen Locken standen, konnten hier unmöglich ihre Wirkung verfehlen.

Nur Fritz kümmerte sich nicht um ihn, wie er sich überhaupt um niemanden scherte. Aber gerade dieses verschlossene Wesen reizte den sieggewohnten Pichler, auf dessen Freundschaft viele stolz waren, und in mannigfacher Weise suchte er, sich ihm zu nähern.

Da sah er eines Tages — eine sehr langweilige Unterrichtsstunde war eben zu Ende —, wie Hellwig das Lesebuch, das er in seiner Freude über die Erlösung ungestüm zugeklappt hatte, hastig wieder öffnete und trübselig einen schmierigen Fleck auf den bedruckten Blättern betrachtete. Neugierig blickte Otto ebenfalls hin und erkannte deutlich die Überreste einer Fliege, die sich auf irgendeine Weise in das Buch verirrt und durch das Zuschlagen den Tod gefunden hatte. Fritz aber zog mit dem Bleistift einen Kreis um die schmutzige Stelle und schrieb darunter: ‚Zur Erinnerung! Hier habe ich ohne Absicht ein Leben vernichtet.‘

Pichler war mit seinem Spott sonst gleich bei der Hand. Aber während er diesem Treiben zusah, kam ihm zugleich mit einer an Rührung streifenden Gemütsbewegung heftiger als je der Wunsch, Fritz zum Freund zu gewinnen.

An diesem Nachmittage folgte er ihm daher heimlich und fand ihn in der Erikaeinsamkeit. Mit einer sonderbaren Frage weckte er den Träumer aus seiner Versunkenheit.

„Hellwig, tut dir nicht auch die schöne Erika leid?“ fragte er.

Der Angeredete schrak zusammen, sprang auf und blickte den als Spötter bekannten Pichler unsicher an.

„Ist es denn nicht auch Unrecht, Pflanzen zu zerquetschen?“ fuhr dieser fort.