Eine jähe Röte färbte Hellwigs Wangen. Ganz verlegen stand er da und fürchtete das Ausgelachtwerden. Als Pichler jedoch ernst blieb und ihm mit einem herzlichen Blick die Hand entgegenstreckte, schlug er zögernd ein.
Auf solche Weise erreichte der braunlockige Schwerenöter seine Absicht und kam in ein engeres Verhältnis zu Fritz. Es hatte sogar den Anschein, als könnte sich dieses zu einer regelrechten Jugendfreundschaft entwickeln. So gut schienen die Auffassungen der beiden zusammenzustimmen. Im letzten Grunde hatte indes Otto selbständige Ansichten überhaupt nicht. Um sich zu solchen durchzuringen, war er viel zu bequem und viel zu seicht. Sein ungemein geschmeidiger Geist ermöglichte es ihm jedoch, sich überall zurechtzufinden und fremde Meinungen skrupellos zu den seinen zu machen, insofern dieselben für ihn neu oder überraschend und geeignet waren, ihren Verfechter in ein auffallendes Licht zu rücken.
Für Hellwigs Entschluß, den Religionsübungen fern zu bleiben, war er sogleich Feuer und Flamme. Als dieser ihm zu bedenken gab, daß er selbstverständlich auch alle Folgen tragen und sich insbesondere bei der nächsten Umfrage des Paters Romanus freiwillig melden müßte, stutzte er zwar einen Augenblick, fand aber dann diesen Gedanken großartig und schwor, daß er durch dick und dünn mithalten werde. Aber Freunde müßten sie werden, denn Arm in Arm mit Hellwig fordere er sein Jahrhundert in die Schranken. Bei diesen Worten warf er sich leidenschaftlich an die Brust des Kameraden, und sie gelobten einander mit Handschlag, nie zu lügen.
Seither unternahmen sie gemeinsame Spaziergänge oder kamen bei schlechtem Wetter in Hellwigs Zimmer zusammen. Dieses war zugleich die gute Stube der Lehrerswitwe, die darin ihre besten Möbelstücke aufgestellt hatte: einen Glaskasten, angefüllt mit goldbemalten Porzellantassen, Tellern, Zinnkrügen und einem Kruzifix unter gläserner Glocke, eine vielfächerige Kommode, einen eirunden Salontisch sowie sechs Polsterstühle, die unter ihren weißen Leinenschutzhüllen aussahen wie kopflose Damen in Frisiermänteln. In diesem Durcheinander, das jedoch von den reinlichen Fenstervorhängen, den geflickten Tischläufern und den gehäkelten Deckchen bis hinab zum Fußboden peinlich sauber gehalten war, konnten die beiden Jünglinge ungestört ihre Meinungen austauschen. Denn Frau Hellwig hielt sich gewöhnlich in der Küche auf, wo sie auch schlief, und erschien nur im Zimmer, um eine Kanne Kaffee nebst einem Scheiterhaufen von Butterbroten oder Kuchenstücken hereinzubringen. Dann blieb sie ein Weilchen, lächelte gutmütig zu Ottos Witzen und lobte ihn, daß er ihrem Traumhans von Jungen den Hang zum Alleinsein ausgetrieben habe. Dafür erwies sie sich auch dankbar, und seit sie erfahren hatte, daß Otto der Sohn eines mit acht Kindern gesegneten Dorfküsters und arm wie eine Maus in dessen Kirche sei, konnte sie’s nicht unterlassen, ihm beim Weggehen jedesmal etwas zuzustecken, Kuchen, Äpfel oder ein Stück vom Sonntagsbraten, obwohl sie’s wirklich nicht zum Hinauswerfen hatte. Sie mußte im Gegenteil trotz einem Kalkulator rechnen und einteilen, um ihrem Sohne nebst einer anständigen Lebensführung das Studieren zu ermöglichen. Aber sie war glücklich, wenn sie jemanden bemuttern konnte, und sagte Pichlern auch, er solle ihr nur seine schmutzige Wäsche bringen, sie werde sie ihm rein machen, bügeln und flicken, das gehe mit der ihres Jungen in einem hin.
„Deine Alte ist wirklich ideal!“ versicherte Otto des öftern, während sie vor den dampfenden Tassen saßen und die Abtragung des Scheiterhaufens in Angriff nahmen. Dann kamen sie wieder ins Reden und ereiferten sich mit glühenden Köpfen und vollen Backen über Philosophie, Religion und Volkserziehung, während sie die Hände unablässig nach den gefüllten Tellern streckten, bis der letzte Bissen vertilgt war. —
Da geschah es, daß Pater Romanus in der obersten Klasse wieder einmal die bereits seit längerer Zeit erwartete Frage stellte: Ob jemand in den letzten Monaten die Messe versäumt habe?
Wie der Krampus aus der Schachtel schnellte Fritz von seinem Sitze auf, stand kerzengerade und schaute dem Professor freimütig ins Auge. Zögernd erhob sich auch Pichler. Aber er ließ schuldbewußt den Kopf hängen.
„So, so, der Beste und der Fleißigste aus der Klasse!“ lächelte der Pater und forschte leutselig nach dem Grund.
„Ich bin freiwillig weggeblieben!“ sagte Hellwig mit fester Stimme. Seine Augen glänzten wie Stahl, die Nasenflügel bebten.
„Und wie oft, mein liebes Kind?“ fragte der Priester sehr sanft.