Als der Trupp an einem Neubau vorüberkam, raffte einer blind vor Wut einen Ziegelbrocken, warf und traf einen Herminonen an die Schläfe. Der ächzte, stolperte nach vorn und wäre hingefallen, wenn ihn nicht seine Bundesbrüder schnell gestützt hätten. Aus einer Fleischwunde floß ihm das Blut über Gesicht und Kleider. Hellwig aber, in dem es schon lang brodelte, war, ehe ihn Deimling zurückhalten konnte, mitten in den dichtesten Knäuel gesprungen, bekam den Werfer zu fassen und schmetterte ihn in aufflackerndem Jähzorn zu Boden. Im Nu war der Wildling zwischen den Tobenden eingekeilt, die mit Fäusten und Stöcken nach ihm hieben, Kragen und Binde von seinem Hals rissen und ihn durch ihre Überzahl arg bedrängten. Er wehrte sich, so gut oder schlecht es ging. Der Hut war ihm vom Haupt geschlagen worden, sein feines Haar flatterte im Luftzug und gab lichten Schein über der gefurchten Stirn, die weiß aus dem Halbdunkel leuchtete, während der übrige Teil des Gesichts darin versank. Von vorn gestoßen, gezerrt von rückwärts, von allen Seiten geknufft, geschoben und gequetscht, mußte er sich darauf beschränken, die Hiebe mit emporgehobenen Armen von seinem Kopfe abzuwehren, und es wäre ihm übel ergangen, wenn nicht Deimling und Braun zu Hilfe gekommen wären. Den Kopf zwischen die Schultern gezogen und die vorgehaltenen Fäuste wie Rammböcke brauchend, brachen sie sich, ostfränkische Bauernsöhne, unwiderstehlich Bahn und stellten sich kampfgewärtig um den Bedrängten.
Nun aber eilten Wachleute herbei und trennten die Streitenden. Die Tschechen wurden in die Gasse zurückgedrängt, die Hochschüler unter polizeilichem Schutz zum Kaffeehaus geleitet und dem Portier überantwortet, der sofort die Tore hinter ihnen schließen mußte.
3.
Der junge Mensch, den Fritz aufs Pflaster geschleudert, hatte zwar nicht gefährliche, aber immerhin ernstlichere Verletzungen davongetragen. Wie Hühner auf gestreuten Weizen, stürzten sich Zeitungsleute auf den Vorfall und schon die tschechischen Mittagsblätter brachten spaltenlange Berichte. Scheinbar ruhig und sachlich gehalten, wirkten sie durch Unterdrückung oder einseitige Beleuchtung einer Tatsache besser als die schärfsten Brandartikel und verfehlten in ihrer geschickten Fassung die beabsichtigte Wirkung nicht.
Leidenschaftlich erregte Volksmassen sammelten sich und zogen singend durch die Straßen. Auf dem Graben, der sonst nach stillschweigendem Übereinkommen den Deutschen zum Abendbummel überlassen blieb, zog in geschlossenen Reihen die slawische Jungmannschaft auf, Jünglinge und Mädchen mit rot-weiß-blauen Bändern und Schleifen streiften umher und umringten die deutschen Burschenschaftler mit wüstem Geschrei. Langsam anschwellend rollte es die Straße entlang, brandete an den Häusern empor, ebbte ab und schwoll zurückkehrend wieder an, murrte, tobte, donnerte ohne Aufhören hinab und hinauf, von einem Menschenschwarm dem andern zugeworfen, bald dumpf am Boden hinrollend, bald schrill in die schwere, nebelfeuchte Abendluft flatternd, die es sogleich wieder niederdrückte und am Boden festhielt.
Mit gelben Höfen leuchteten die Straßenlampen nur verschwommen in der Dämmerung. Gleich schwarzen Käfern hasteten die Menschen durcheinander, und wo eine Studentenkappe sichtbar wurde, entstand ein heftigerer Wirbel in den wimmelnden Massen, stürzten alle ungestüm herzu, fluchend, gestikulierend und aufs heftigste erbittert.
Hellwig ging mit Braun und Deimling im Zuge der Herminonen. Pichler war verschwunden. Als der tolle Lärm losbrach, hatte er sich sacht davongestohlen. So stumm und kleinlaut, wie er vordem auf dem Weg von der Kneipe zum Bummel keck und prahlerisch einem entschiedenen Widerstand das Wort gesprochen, war er über die Straße und durch die nächste Seitengasse heimgegangen.
Das Gewühl wurde immer stärker und schon lieferte man sich da und dort kleine Scharmützel. Aber sie waren nur rasch und kurz, als sollten vorerst die Kräfte geprüft und ausgekundschaftet werden, wie weit der Gegner zu gehen entschlossen sei. Da fiel es plötzlich einem verwegenen Häuflein von sieben rotbemützten Teutonen ein, die Wacht am Rhein anzustimmen. Gewaltig sangen sie mit ihren schweren Bässen das deutsche Wehr- und Trutzlied in das einförmige Gejohl.
„Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein!“ Weiter kamen sie nicht. Wie losgelassene wilde Tiere stürzten sich die Tschechen auf die unbedachten Heißsporne. „Mažte ji! Haut sie!“ brüllten die Jünglinge mit der slawischen Trikolore, und manches zarte Mädchen bearbeitete mit dem Regenschirmchen die Köpfe der Sänger, bis das luftige Dach in Fetzen am geknickten Stäbchen flatterte.
Aber auch die andern Hochschüler mußten die Unbesonnenheit der sieben Kampfhähne entgelten. Eine Sturzwelle, warf sich die entfesselte Wut gegen die Deutschen und brachte sie nun wirklich in ernste Gefahr. Berittene Schutzleute sprengten in die Menge. Sie vermochten nichts gegen die wache Leidenschaft. Die arg bedrohten Deutschen flüchteten in die Fluren der Häuser. Aber mancher Hausbesorger weigerte ihnen auch diese Zuflucht und trieb sie wieder auf die Gasse, wo die ergrimmten Slawen neuerdings über sie herfielen. Die Geschäftsleute hatten ihre Läden schon früher geschlossen. Nun beeilten sich auch die Wirte und Kaffeesieder, ihre Spiegelscheiben zu verwahren, denn bereits waren viele eingedrückt und zertrümmert.