„Jessas, a Ringelg’spiel
Is a Hetz und kost’ net viel.
Alles draht sich um und um,
Tschindarassa bumbumbum!“
Immer schneller sangen sie und immer rascher bewegten sie sich in der Runde, erst auf dem Fußboden, dann von Stuhl zu Stuhl, endlich auf dem Tisch, so viel ihrer Platz hatten. Das Singen wurde Gebrüll, das Getrappel Staub aufwirbelndes Stampfen, der Boden schwankte, die Gläser klirrten, bis endlich mit einem Huronengeheul die Darsteller insgesamt in die Knie sanken, teils auf den Dielen, teils auf den Sesseln und auf dem Tisch, sich mit hoch gehaltenen Lichtern zu einer Art Schlußgruppe um den Fuchsmajor vereinigend, der die Arme an den Leib gedrückt, die Hände auf den Schenkeln wie ein ägyptischer König auf seinem Sitz hockte.
Da sauste plötzlich ein faustgroßer Stein durch eine splitternde Fensterscheibe, klatschte gegen die Wand und fiel polternd nieder, indes der Mörtel langsam nachrieselte. Ungestüm sprangen die Füchse auf, aber schon rief Karg, vom Tisch herabspringend, sein donnerndes: „Silentium!“ Da mußten sie bleiben. Die Burschen bewahrten eisige Gelassenheit.
„Der Esel von Kellner hat wieder einmal nicht zugemacht!“ sagte Deimling, stand auf und trat an das zerbrochene Fenster, um die Läden zu schließen. Gejohl schallte von der Gasse, ein zweiter Stein flog knapp an seinem Kopf vorbei. „Nur keine Aufregung!“ brummte das alte Semester, unerschüttert ruhig mit dem widerspenstigen Rolladen beschäftigt. Der Erstchargierte, stud. med. Braun, ein breitschultriger Hüne aus dem Egerland, hatte inzwischen das andere Fenster verwahrt. „Sehen Sie,“ wandte er sich zu den Gästen, „die edlen Söhne der Libuscha heißen uns auf ihre Art willkommen. Geschieht öfters so, man gewöhnt sich daran! — Aufgepaßt, Füchse!“ fuhr er mit scharfer Kommandostimme fort. „Bei solchen Sachen ist die erste Pflicht: ruhig bleiben! Nicht mit der Wimper zucken! Sonst ist der Krawall fertig! Schreibt euch das hinter die Ohren! Und nun steigt: ‚Die Wacht am Rhein‘. Cantor, incipias!“
„Es braust ein Ruf wie Donnerhall!“ stimmte der Sangwart an, alle fielen ein, und diesmal wehte wirklich etwas vom Sturmatem der Begeisterung in den frischen Stimmen.
Fritz aber war wärmer geworden. Das sichere Auftreten der jungen Leute, ihre kalte Geistesgegenwart und die musterhafte Zucht, mit der sie hinter sorgenlosem Leichtsinn und behaglicher Fröhlichkeit versteckt, einen zähen Kampf um ihre Muttersprache führten, das alles zwang ihm, der nicht ihre Ansichten teilte, Achtung ab, weil hier ein ehrliches Wollen zu spüren war. Er wurde gesprächiger, taute auf und weil sich, hierdurch angeregt, auch jene freier gaben, geschah es, daß er in ein ganz leidliches Verhältnis zu ihnen kam. Er blieb bis zum Schluß in der Kneipe und als beschlossen wurde, noch ein Kaffeehaus aufzusuchen, ging er ebenfalls mit.
Je drei oder vier in einer Reihe, zogen sie geräuschvoll durch die spärlich erhellte Gasse zum Wenzelsplatz. Die Nacht war bereits ziemlich vorgerückt, in den Straßen bewegten sich nur vereinzelte Schwärmer. Unerwartet aber brach mit großem Getöse aus einem Nebengäßchen ein Trupp meist jüngerer Leute. Sie hatten schwarze Samtbaretts schief auf den mähnigen Köpfen, schwangen drohend dicke Stöcke und gebärdeten sich ohne ersichtlichen Grund sehr aufgeregt und wild. Es waren die Mützen der deutschen Studenten, die das tschechische Jungvolk derart in Zorn brachten. Denn in ihm war die Unduldsamkeit eines kleinen Stammes, der rings von einem großen umklammert, eifersüchtig seinen Besitzstand wahrt, in jedem Farbenbändlein des Feindes eine Gefahr für sich erblickend. Worte wie Provokation und Frechheit fielen, und schon auch zerbrach ein Spazierstock an dem harten Schädel Deimlings. Der schüttelte sich nur wie ein Auerochs, den ein Kieselsteinchen traf, nahm Hellwig, der ihm zunächst schritt, unterm Arm und ging weiter mit finsterer Miene, ohne ein Wort zu sprechen. Auch die andern Herminonen hatten sich zusammengeschlossen, marschierten Schulter an Schulter dicht gedrängt, mit unbewegten Gesichtern, und redeten nicht. Jeder Widerstand, das wußten sie, trieb Wasser auf die Mühlen der Gegner, und schon mehr denn einmal hatte die unbedeutende Verletzung eines Tschechen in einem solchen Raufhandel den Vorwand abgegeben zur Zerstörung deutschen Eigentums, zu Plünderung und Raub. Darum dämmten sie gewaltsam ihren Zorn zurück und zogen Schritt für Schritt gelassen weiter. Voran ging der riesenhafte Braun, mit Schultern und Ellbogen sich den Weg durch die Erregten bahnend, die mit heftigen Gebärden immer wieder herzu drängten und zurückwichen, unschlüssig, ob sie einen ernstlichen Angriff wagen sollten. Ihre lauten Stimmen erfüllten die Gasse, lockten die Gäste aus den Schenken vor die Türen, und mancher schloß sich dem Zuge an. Und jedesmal, wenn einer sich hinzugesellte, wurde ihm, der vordem ganz ruhig sein Schöpplein getrunken, das Gesicht fahl vor Aufregung und in den glitzernden Augen erwachte der Haß. Wie eine elektrische Wolke umhüllte er das lautlose Häuflein der Studenten, und endlich mußte die Entladung erfolgen.